Kriminelle Mediennutzung 1924

Als Goethe schrieb, lasen seine Landsleute bekanntlich Vulpius. Fragt man die Insassen von Haft- und Besserungsanstalten nach ihrer Mediennutzung, dann kommt ein Kanon zustande, der sich von dem des nicht-inhaftierten Teils der Gesellschaft nicht unterscheidet.

“Verbrechensursache und Verbrechensmotive.” Von Hofrat Dr. jur. et med. Rudolf Michel. [Volontärarzt am Universitätsinstitut für gerichtliche Medizin in Graz]. In: Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform 15 (1924), S. 58–83, hier S. 263-265:

“Einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Entwicklung der Verbrecher übt die Lektüre aus. Die erste Gruppe meiner Verbrecher schwärmt nur für Reisebeschreibungen, abenteuerliche Erzählungen und Indianergeschichten. Jules Verne erfreut sich großer Beliebtheit und vor allem Karl May, den 37 als ihre Lieblingslektüre bezeichnen; einer hat in Stein seine ganzen Werke ausgelesen, ein anderer blieb beim Lernen zurück, weil er sich ganz darin verlesen hatte, nur einer meinte, Karl May möge er nicht, der lüge ihm zu viel. Interessant ist, daß der Moabiter Strafanstaltslehrer Glatzel die Forderung aufstellt, Karl May gehöre in jede Gefangenenbücherei, er sei ein zäher Streiter im Dienste des Menschheitsideals, dessen Schriften erzieherischer Wert zukomme, dieselben seien geeignet, eine sittliche Weltanschauung zu zeitigen. Hellwig, der die kriminal-psychologische Seite des Karl-May-Problems behandelt, sagt, das Große an ihm sei, daß er einer der wenigen sei, die den Kampf zwischen dem Guten und Bösen, den eines jeden Brust auszufechten habe, allen Hindernissen zum Trotz siegreich durchgeführt habe; ungerecht wäre es, wenn man Karl Mays Reiseromane zur Schundliteratur rechnen würde, weil sie geeignet seien, eine abenteuerliche Jugend in ihren phantastischen Ideen und Plänen zu unterstützen und vielleicht den einen oder anderen Psychopathen zu veranlassen, die elterliche Kasse zu erleichtern, um dann in die Prärien des Westens oder auf den Balkan auf Abenteuer auszuziehen; es könne sich da immer nur um vereinzelte, zwar bedauerliche, aber unvermeidbare Erscheinungen handeln.”

“Größere Bedeutung kommt der 2. Gruppe der Lieblingslektüre zu, den Kriminal- und Detektivromanen; über 100 meiner Verbrecher gaben ihr den Vorzug, eine sehr große Zahl, wenn man berücksichtigt, daß viele ländliche Verbrecher überhaupt nichts lesen. In erster Linie wird Sherlok  Holmes gelesen, dann die Frank-Allan-Hefte, Harry Bill, Lord Lister, der Verbrecherkönig, Nic Karter, Stuart Webbs, Rinaldo Rinaldini, der Schinderhannes, Rosa Sandor, der Gendarmenmörder Kneisel und ähnliches. Als Titel werden unter anderen angeführt Der vergiftete Pfeil, Verworrene Fäden, Der dunkle Koffer u. dgl. Hierher gehört auch die Schundliteratur der 12-Pfennighefte. Groß ist auch das Interesse für die Gcrichtssaalberichte. Dieses Interesse beweist ja auch die rege Teilnahme von Verbrechern und Verbrecheraspiranten bei den öffentlichen Gerichtsverhandlungen; ich habe mich wiederholt im Auditorium des Schwurgerichtssaales davon überzeugt, mit welcher Spannung und mit welchemVcrständnis diese Kriminalstudenten derVcrhandlung folgen.

Weniger beliebt, aber auch noch begehrt sind sexuelle Literatur und Kriegsgeschichten, “wo es recht wild hergeht”; bezeichnenderweise sagte ein Sträfling, der für solche Kriegsliteratur schwärmte: “Nur ein Idiot war gerne draußen im Felde”; einige wenige bevorzugten Evers oder ganz gefühlvolle die Courts-Mahler. Eine kleine Lesergemeinde gibt es auch, die mehr für wissenschaftliche oder populär-wissenschaftliche Literatur aller Wissensgebiete ist. Naturwissenschaftliche, technische, historische und philosophische Werke werden von ihnen begehrt; einige, darunter wohl auch Scheinheilige bevorzugen “heilige Bücher”. Manche brüsten sich, Werke gelesen zu haben, von denen sie dann gar nichts, nicht einmal die Grundideen anführen können, z. B. Kant und Schopenhauer; der eine bezeichnet Schopenhauer als lasziven Schriftsteller, ein zweiter will besonders gerne Kriminalromane von Rosegger gelesen haben und ein dritter die Märchen aus der Unterwelt von Tizian.

Den großen Einfluß, den die Lektüre haben kann, beweist die Angabe eines Sträflings; die Räuber- und Detektivromane, die er las, machten auf ihn einen so tiefen Eindruck, daß er sich mit ein paar Buben wochenlang in den Wäldern herumtrieb und mit Bogen, Pfeil und Revolver bewaffnet der Räuberromantik lebte.

Homburger, Türkel und Kleemann sind auf Grund ihrer Erfahrung zu denselben Anschauungen gelangt wie ich; sie betonen ebenfalls die suggestive Macht des Gelesenen, die Leser hören, wie schwer oft Verbrecher zu packen sind, welche Fehler sie nicht begehen dürfen, um nicht in die Hände der Gerechtigkeit zu fallen, wie leicht es ist, ein Verbrechen zu begehen, und wie schwer oft, es zu entdecken. Ilellwig und Lombroso fügen hinzu, daß das Bestreben der Presse, bei sensationellen Straftaten deren Einzelheiten in breitester Weise zu schildern, zur Nachahmung anreizt.

Meyer wirft die Frage auf, ob Lektüre oder Film unheilvoller wirken, und kommt zu dem Ergebnisse, daß dies von der Veranlagung der Übeltäter abhänge, im allgemeinen hält er wohl den Film, für gefährlicher, da die Anschauung noch mehr zur Nachahmung verleite. Hellwig und Näcke legen übereinstimmend damit der Filmvorführung große Bedeutung bei. Mutatis mutandis verdient die Anregung Schweisheimers Beachtung, daß Aufklärungsfilms wirksamer wären und das Interesse für Sensationsfilms verdrängen könnten, wenn sie spannender und interessanter mit allen dramatischen Effekten verfaßt wären und so nicht langweilig wirken würden.

Ich konnte mich auch von dem oft großen und verderblichen Einfluß des Kinos überzeugen; im allgemeinen herrscht unter den Verbrechern große Begeisterung für das Kino. 119 schwärmten nur für Verbrecher- und Detektivfilms, eine unheimliche große Zahl, wenn man in Erwägung zieht, daß von den dem ländlichen Milieu entstammenden Sträflingen viele noch kein Kino gesehen haben. Die einen haben eine ganz besondere Vorliebe für Mordgeschichten, andere für Eifersuchtsdramen, Schießereien, Raufereien, Diebstahlsdarslcllungen, Eisenbahnraub, sonstige Räuberfilms, Stuart-Webbs-Stücke, Sensationsfilms und Sittenbilder; manche sind mehr für Abenteurerfilms, besonders Buffalo Bill erfreut sich auch da großer Beliebtheit; auch Kriegs- und Sportfilms werden von einigen bevorzugt. Sehr viele berichten, daß Detektivfilms auf sie einen großen Eindruck machten und den Wunsch erweckten, das Gesehene nachzuahmen; wenn einer gut davonkam, dachten sie, das können sie gut verwerten; sie sahen Kassen ausräumen, sahen, wie man leicht zu Geld kommen könne, und dachten, das sei nachahmenswert. Aus dem Munde vieler Verbrecher hörte ich, daß die jungen Burschen durch das Kino verdorben werden, sie sehen dort die Gebrauchsanweisungen für Verbrechen, sehen sich förmlich selbst in den Gestalten des Films und leben die Situationen des Films mit durch. Wie sehr sie das Gesehene beschäftigt, beweist der Umstand, daß sie denselben Film oft wiederholt besuchen. Einige erzählten, sie konnten nach derartigen Kinovorstellungen vor Aufregung nicht schlafen, gingen nach der Aufführung zusammen in einen öffentlichen Park, besprachen das Gesehene und schmiedeten Pläne, mehrere sagten aus eigenem Antriebe, das Kino wirke schlechter als das gesprochene Wort, es verderbe viele, treibe sie zur Nachahmung und verleite sie auf diese Weise zu Verbrechen. Bemerkt wird, daß das von der Polizei verlangte Verbot derartiger Vorstellungen für Jugendliche nicht entsprechend gehandhabt wird; viele gaben auf meine diesbezügliche Frage an, daß sie sich nur für älter auszugeben brauchten, aus Geschäftsrücksichten wurde es ihnen geglaubt, und die Kontrolle wurde sehr nachlässig durchgeführt.”

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