Zum Lachen ist da nix …

“‘Oh, wo ‘naus, Frieder, wo ‘naus?’ rief der Alte traurig.
‘Dem Himmel zu!’ antwortete er mit der hellen Kommandostimme, die bei so manchem Einbruch erschollen war.”

Wie er hier in Hermann Kurz’ Roman von 1853 seinen letzten Auftritt hat, so haben Generationen von rechts- und/oder sozialphilosophisch eingestellten Lesern den Sonnenwirt aus Friedrich Schillers Erzählung gesehen: das Individuum wird zum Bürger, indem es seiner sittlichen Autonomie inne wird und geradezu freudig bei der eigenen Hinrichtung die Regie führen möchte. Die letzte Selbsttäuschung ist verzeihlich, hingerichtet wird er so oder so.

Zum Lachen, in der Tat, gibt es in Schillers Erzählung nichts; noch im grotesken Fluchtversuch, der sein Ende in der Erzählung bezeichnet, wird Christian Wolf aus ‘bösem Gewissen’ zum “Dummkopf”, der sich seinem Schicksal nicht entziehen, der es nur anerkennen kann.

Man kann es so sehen, daß mit Schillers Erzählung sich die spätaufklärerische Verbrecherwahrnehmung in der Literatur vom Mitleid mit dem Täter zur Kritik an Gesellschaft und Institutionen umorganisiert hat. Man kann, in der Tat, den Einfluß, den Schillers Erzählung auf die Kriminalliteratur in deutscher Sprache hatte, nicht hoch genug einschätzen — ohne ihr deshalb gleich kritiklos verfallen zu müssen: Sie hat mit ihrem Idealismus auch eine prinzipienreiterische Trennung von Recht und Moral, von Strafjustiz und Menschlichkeit befördert, für die der Täter vor allem ein Exempel des Anerkennens wurde, mit dem sich bürgerliche Wohlanständigkeit auf das Einhalten der Gesetze konzentrieren ließ. Wilhelm Raabe hatte mit seiner Kontrafaktur der Sonnenwirt-Erzählung keinen durchschlagenden Erfolg, obwohl — oder eben weil — sie zeigt, daß es im ganzen Fall nur darum gegangen wäre, dem jungen Mann ein bescheidenes Leben an der Seite seiner Auserwählten zu verschaffen. Als Frivolität kann man aber immer zur Kenntnis nehmen, wie sich in der Horacker-Erzählung die Medien und die Polizei als Hetzer und Jäger gegen den selbstgemachten Straßenräuber und Mörder zusammenfinden.

Man kann auch vom Standort aus, den Schillers Erzählung bezeichnet  (oder auch nur zu bezeichnen scheint), den Blick ins Weite schweifen lassen, so daß er schließlich auf Beispiele der voll ausgebildeten und insofern ‘modernen’ Genreliteratur in ihrer — vielleicht wiederum nur vermeintlichen — Heimatregion trifft, nämlich auf die englische Krimiproduktion aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Daß man dann auf Unterschiede trifft,1 das ist angesichts der Dynamik, mit der sich die Kriminalliteratur innerhalb und außerhalb des UK und des Genres schon im 19. Jahrhundert entwickelt hat, kaum verwunderlich. Doch scheint man noch einiges an kriminalliterarischer Lektürearbeit leisten zu müssen, ehe nationalliterarische Differenzen zwischen ‘Kriminalgeschichte als Denksportaufgabe’ dort und ‘Schicksalsnovelle’ hier festgeschrieben werden können. Jedenfalls drängt sich vorderhand der Eindruck auf, daß wieder einmal  die ‘deutsche Tiefe’ verhandelt wird, und sei’s nur als Ursache dafür, daß die Deutschen keine Krimis schreiben konnten (oder können). Doch das ist, um Himmels willen, doch längst widerlegt.

Mit Dank an dpr und Verweis auf den Tagesspiegel: “Gewalt und Geheimnis”.

  1. Obwohl sich dafür, wenn’s denn sein muß, eher Godwins Caleb Williams anböte. []

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