Nachfrage zum Nachwort

“Etwas Neues dräut am Horizont, man kann es nicht einschätzen und für die Zukunft hochrechnen: die Macht der Wirtschaft, des Geldes, der Paragraphen. [...] Nichts mehr von den ‘Verbrechern aus verlorener Ehre’, den Michael Kohlhaasens [...] (Dieter Paul Rudolph: Emilie Heinrichs oder Die Wurzel allen Übels. In: Emilie Heinrichs: Leibrenten. Roman aus der Gegenwart. (1866) Hg. von D. P. R. (Criminalbibliothek 1850-1933, Bd. 1) Köln: Edition Köln 2008, S. 404f.)

Warum bringt der Nachwortautor seine Leibrenten ausgerechnet gegen die beiden kanonisierten ‘alten’ Texte in Stellung, die selbst schon “die Macht der Wirtschaft, des Geldes, der Paragraphen” zur Grundlage ihrer Konfliktkonstruktionen machen? Im Kohlhaas wird geradezu schulbuchmäßig (und dazu noch anachronistisch) die feudale gegen die kapitalistische Wirtschaftsweise ausgespielt, welch letztere auf Geldumlauf und Rechtssicherheit beruht und den willkürlichen Einzug von Abgaben von den und für die Oberen nicht verträgt. Und im Verbrecher beginnt das Unglück damit, daß der Held sich auf das ‘honette Stehlen’ verlegt, weil er zu “bequem und zu unwissend [ist], seinem zerrütteten Hauswesen durch Spekulation aufzuhelfen”. So schlankerhand möchten die beiden auch nicht vom Tisch gewischt werden.

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  1. Genre (wieder einmal)
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4 Kommentare

  1. Erstellt am 11.02.2009 um 15:19 | Permanent-Link

    Ihr Tadel würde mich treffen, wenn es im Nachwort denn so gemeint wäre, wie Sie es wiedergeben. Im Nachwort geht es aber um etwas anderes, um den Bauplan des dräuenden “Krimis” nämlich. Kohlhaas wird schuldig, weil er gegen “die Obrigkeit” und ihre Rechtsauslegung opponiert. Weder hier noch gar bei Schiller finden Sie den Kapitalismus in praxi, als Wurzel zukünftiger Verbrechen. Und in “Leibrenten” finden Sie nicht MEHR Kleists / Schillers moralischen Impetus. Sondern alleine die Tatsachen an sich und die Hilflosigkeit der Opfer ihnen gegenüber (wobei: Die durchaus vorhandenen Moralismen wirken in “Leibrenten” wie eine triviale Parodie). Ich bestreite gar nicht, dass man all das in eine historische Reihe stellen kann, ja, sogar muss. Und so ist es auch geschehen, vorbildlich schon in Holteis “Schwarzwaldau” von 1856, in dem sich Feudalismus und Kapitalismus gegenüberstehen wie, nebenbei, auch Romantik und Realismus. Für die Entwicklung der Kriminalliteratur als Genre indes bedeutet “Leibrenten” eine Zäsur, ua. weil sich der Kapitalismus endgültig als neues Feudalsystem etabliert hat, als ein System, dem mit Recht nicht beizukommen ist, das seine eigene Dynamik entwickelt und eine eigene (Rechts-)Logik, vor der man nur noch kapitulieren kann.

    bye
    dpr

  2. JL
    Erstellt am 11.02.2009 um 15:30 | Permanent-Link

    was den Kapitalismus in Kohlhaas angeht, würde ich (immer unter der Voraussetzung 1810) widersprechen. Wobei Kohlhaas nicht schuldig wird, weil er opponiert, sondern weil er Leute en masse & ohne rechtliche Befugnis umbringt und so u. a. auch (anachronistisch, vgl. Hans Kohlhase) das Gewaltmonopol verletzt (die beiden gehören gewissermaßen zusammen).

    Im übrigen stimme ich zu — und genau deshalb bin ich der Meinung, daß der Schiller-Kleist-Schlenker Ihre Argumentation unnötig desavouiert.

    Beste Grüße!

  3. Erstellt am 11.02.2009 um 17:58 | Permanent-Link

    Lassen Sie uns kurz die Figur des invaliden Militärs Stürmer aus den “Leibrenten” anschauen. Zwar weder Kohlhaas noch Verbrecher, aber um die Ehre geht es ihm allemal. Er spielt den Helden, den Beschützer der Armen, seine Attitüde ist aber noch die der Ständegesellschaft (begeisterter Militär bleibt er eh), ein Anachronismus. Als er am Ende die Wahl hat zwischen dem Heldentod und der Möglichkeit, als “Schriftsteller” gegen die Verhältnisse zu kämpfen, wählt er ohne Nachzudenken ersteren. Was seinen Sinn hat, denn er gehört nicht mehr zum Milieu der neuen Verbrechen, er ist als Moralist vollkommen 18. Jahrhundert, aus allen Poren schwitzen ihm Ethik und höhere Philosophie.
    Es geht hier nicht ein Desavouieren, lieber Herr Linder, es geht um den im weitesten Sinne soziologischen Nährboden für, salopp: KRIMI. Die Verbrecher aus verlorener Ehre sterben schlicht aus, ein neuer Typus erscheint. Er mag sich ehrbarer Kaufmann nennen, ist aber nichts weniger als das. Herolde der Profitmaximierung etc. Eine Untersuchung in diese Richtung würde Kohlhaas und Co. ganz eindeutig an den Anfang dieser Entwicklung stellen, irgendwann aber auch den Bruch konstatieren müssen. Der kein abrupter war, selbstverständlich nicht.

    bye
    dpr

  4. JL
    Erstellt am 11.02.2009 um 22:50 | Permanent-Link

    Amen.

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