Justizroman 1965/79: Hans Fricks “Breinitzer”

Hans Frick, 3.8.1930 — 3.2.2003. Wikipedia, dort auch der Link zum Nachruf von Franz Dobler (FR).

  • Breinitzer oder Die andere Schuld. Roman. München: Rütten & Loening 1965.
  • Breinitzer. München: Rogner & Bernhard 1979 [Neubearbeitung].

Inhaltsangabe von Norbert Schachtsiek-Freitag im KLG (via Munzinger Online):

“Fricks Romanheld, der Arzt Prof. Dr. Max Breinitzer, ist Josef K. und Michael Kohlhaas in einer Person, jedoch in Handlungssituationen, die denen ihrer literarischen Urbilder entgegengesetzt sind. Breinitzer war ein Scherge der Nazis, der in mehreren Konzentrationslagern medizinische Versuche an lebenden Häftlingen vorgenommen und als Handlanger des Hitler-Faschismus unzählige Morde auf dem Gewissen hat. Er war nach dem Krieg untergetaucht; sein Bewußtsein der Schuld und sein Verlangen nach Sühne sind erst spät erwacht – zu spät für eine Gesellschaft, die sich im Vergessen und Verdrängen der KZ-Greuel und der Naziherrschaft eingerichtet hat. Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reiches fordert Breinitzer selbst seinen öffentlichen Prozeß und die Verurteilung für seine Schuld, aber er will nicht nur Gerechtigkeit und Sühne für sich selber, er reicht ein detailliertes Schuldbekenntnis ein, um ein Beispiel zu geben, daß individuelle Schuld und kollektive Mitverantwortung an den Verbrechen nicht verjähren können und dürfen, wenn man die Opfer nicht verhöhnen will. Als die Behörden Breinitzer zum wiederholten Male den Prozeß verweigern und sein Geständnis als Fiktion eines schizophrenen alten Mannes unterdrücken, richtet sich der von quälerischer Schuld Bedrängte selbst. Er verbrennt sich während eines Gottesdienstes”.

Rezensionen u. a. von Erich Maria Remarque im Spiegel, 21.7.1965, sowie von Wolfgang Wertli [vermutlich Scanfehler für Wolfgang Werth] in der Zeit vom 09.04.1965, Nr. 15:

“In seinem Buch erscheint die Bundesrepublik des Jahres 1964 als ein Dorado für Massenmörder: Nazistische Verbrechen werden von der Gesellschaft bagatellisiert und negiert, wo nicht gar gerechtfertigt; KZ-Häuptlinge und SS-Schergen gelangen als Honoratioren zu Ansehen, und wenn schon einmal einer vor Gericht erscheinen muß, so werden seine ungeheuerlichen Verbrechen mild wie ein Kavaliersdelikt geahndet. Ununterbrochen wird die deutsche Ehre von denen, die vorgeben, sie hochzuhalten, durch den Dreck gezogen. Die wenigen aber, die das Gewissen quält, gelten als geistig defekt und sehen sich aus der sauberen Sozietät ausgestoßen./ Diese düstere Ansicht unterscheidet sich nicht wesentlich von den Schreckensbildern, die DDR- Propagandisten von der Bundesrepublik entwerfen: Wie sie wählt auch Frick aus der Realität jene schlimmen Tatbestände, die seine vorgefaßte Meinung stützen, und verallgemeinert diesen Teilbefund zu einer Totalmisere”.

Vgl. dazu jetzt  Irmtrud Wojak: Fritz Bauer 1903–1968. Eine Biographie. München: Beck 2009; S. 351-353 speziell zu Fricks Roman im Kontext der Verfolgung von NS-Tätern in den fünfziger und sechziger Jahren.

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