Expätn

Die Kamera fährt über die Zimmereinrichtung, konstituiert Ungleichzeitigkeiten und Verwirrungen der Adoleszenz, indem sie das Nebeneinander von traditionellem Kinderspiel und Postern mit weitgehend entkleideten Frauenkörpern ‘dokumentiert’. Schließlich: Zoom auf ein rotes, verpacktes Kondom.

Off: “Das ist das Zimmer von Christian. Christian ist 14 Jahre alt. Kinderzimmer möchte er es nicht mehr nennen. Nackte Frauen, harter Sex — für ihn ist das etwas völlig Normales. Pornos im Internet schauen doch alle Jungs in meinem Alter, sagt Christian.”

Titelinsert: “Generation Porno”. Die Kamera blickt rechts an ‘Christians’ Kopf vorbei auf einen unscharfen Youporn-Bildschirm, der dann herangezoomt wird, um das ganze Bild füllen, ohne deshalb schärfer zu werden: “Wenn Kinder hartem Sex begegnen”.

Christian in seinem Zimmer, das nur mäßig erleuchtet ist, und zwar von Lichtquellen, die man sich bei einigem Hinschauen ausmalen kann (in diesem Format allenfalls mit Mühen: am rechten oberen Bildrand scheint Tageslicht durch das Dachfenster sich mit geringem Erfolg in Erinnerung bringen zu sollen. am linken Bildrand sitzt ‘Christian’ vor seinem Bildschirm, wird aber von einer Lichtquelle beleuchtet, die man sich links außerhalb des Bildrandes denken muß, s. das zweite Bild).

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Aber dann rückt die Kamera Christian so ins Bild, daß ich seine Nachdenklichkeit erkennen kann: Noch ist der Kampf um seine Gesundheit nicht verloren.

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Christian: “Ich meine eigentlich, diese Seiten müßten gesperrt werden, weil Kinder in meinem Alter, also Jugendliche in meinem Alter, jünger sogar, die gucken sich das ja auch schon an. [...] Das ist so ne kleine Sucht, die man hat”. Der Kranke weiß halt am besten selbst, wie ihm zu helfen wäre — die Familienministerin hat ihn schon verstanden. (Quelle: ZDF.)

Wie lange treiben die das eigentlich schon so mit ihrer Authentizitätsästhetik: Wackelbilder, Interviewer ohne Körper und Gesicht, Off-Kommentare, die dem chaotischen Bildschnitt folgen und auf jede Stringenz verzichten? Als entstünde das ‘pralle Leben’ vor mir, nur weil die Werkzeuge, mit denen die Bilder und Töne erzeugt werden, mit mäßiger Sorgfalt kaschiert bleiben? Damit einer der Repräsentanten dieses Lebens an hervorgehobener Stelle den entscheidenden Satz sprechen kann: “Ich bin Erwin Lottemann …“.

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10 Comments

  1. Erstellt am 15.04.2009 um 15:56 | Permanent-Link

    Schlechter Beitrag, schöner Eintrag. Es geht natürlich um Stimmungsmache gegen Medien und Jugend gleichzeitig (daher passte das “60+” hervorragend.)

    Gestern in der U-Bahn habe ich das passende Gegenzitat gelesen: “Die Jugend ist weder gut noch schlecht, sie ist wie die Zeit, in der sie lebt.”

    Und das ist eben auch eine Zeit mit medialen Authentisierungsstrategien wie solchen.

  2. JL
    Erstellt am 15.04.2009 um 17:17 | Permanent-Link

    Schon. Wenn man aber weiterschaut (ich hatte keine Lust mehr, weiter zu beschreiben), dann sieht man, daß ‘Unterschichtjugend’ und deren Eltern gemeint sind. Da wird mit dem ganzen Zeichenarsenal denunziert und festgeschrieben. Sozusagen als Fortsetzung des ‘Unterschichten-TV’ an den Nachmittagen — das auch nicht für diese gemacht wird, sondern den Definitionskübel über sie ausschüttet. Ich habe einen guten Teil des Vormittags damit zugebracht, nach Arbeiten zu den einschlägigen Format zu suchen, bin aber nicht fündig geworden. Was verständlich wäre, denn man kann gar nicht so viel davon fressen, wie man hinterher kotzen müßte.

  3. Erstellt am 16.04.2009 um 07:41 | Permanent-Link

    Das mit dem Unterschichtenphänomen ist wohl auch richtig. Dass das nicht erwähnt wird, liegt daran, dass man dann zugeben müsste, dass der Beitrag keinen Neuigkeitswert hat. Schwangerschaften (und also auch Sex) bei Minderjährigen nehmen immer schon, glaubt man Leuten, die einschlägige Studien kennen, mit absteigendem Sozialstatus zu.

  4. Erstellt am 16.04.2009 um 07:57 | Permanent-Link
  5. JL
    Erstellt am 16.04.2009 um 08:47 | Permanent-Link

    was die Korrelation von Schwangerschaften und Sexualkontakten angeht, würde ich zur Vorsicht raten: Geld und/oder Bildung waren auch schon vor der Pille wichtige Voraussetzungen für die Schwangerschaftsverhütung.

  6. JL
    Erstellt am 16.04.2009 um 09:28 | Permanent-Link

    Sorry, der 3Sat-Link ist im Spamfilter hängen geblieben, obwohl beim Resteverwerter der Öffentlich-Rechtlichen wie üblich der schönste Text steht: Wer macht eigentlich das große Geschäft, wenn das Problem, über das angeblich geredet wird, erst durch den kostenlosen Zugang entsteht? Man könnt’ fast meinen, daß die Pornoindustrie hinter den Sorgenfalten steckt. Jedenfalls sind die Läden mit den Magazinen und den Videokabinen weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Aber weiter möchte ich dem Fehlleuten dieser Nachtglocke nicht mehr folgen.

    Beste Grüße!

  7. JL
    Erstellt am 16.05.2009 um 11:49 | Permanent-Link

    Man könnt fast meinen … andere sind da schon weiter und zeigen die Zusammenarbeit: http://netzpolitik.org/2009/freunde-der-kinderporno-sperren-schlagen-zurueck/

  8. Erstellt am 04.08.2009 um 11:20 | Permanent-Link
  9. JL
    Erstellt am 04.08.2009 um 18:34 | Permanent-Link

    Danke!

  10. Erstellt am 06.08.2009 um 07:04 | Permanent-Link

    Ich habe es noch nicht gesehen, nur vorerst aufgenommen und stelle gerade beim Archivieren fest, dass die Sendung, die zur Hälfte von Jugendlichen unter 16 Jahren handelt, mit dem Warnhinweis beginnt, dass sie für “Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet” ist.

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