“Zensur und Überwachung des literarischen Lebens traten (mit Ausnahme der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft) nie so massiv auf wie im Preußen des 19. Jahrhunderts. Zahlreiche Behörden und Verwaltungsstufen waren in die Unterdrückungs- und Steuerungsprozesse verstrickt. Das Ergebnis ist eine Behördenkorrespondenz, die sich in Hunderten von Aktenkilometern misst. [...]
Interessant daran ist nämlich, dass gerade die ubiquitäre Überwachungstätigkeit der Zensoren und politischen Polizisten im 19. Jahrhundert die präzisesten Informationen darüber bergen, wie das literarische Leben in allen seinen Spielarten und Ausformungen tatsächlich aussah. Hier also ließen sich die Argumente und Begründungszusammenhänge für eine archivarisch basierte Sozialgeschichte der Literatur finden, ein Fundament, beruhend auf ‘harten Fakten’, das den Vorläuferprojekten dieses literaturwissenschaftlichen Zugriffs in den Siebziger und Achtziger Jahren zumeist fehlte, was auch ein Grund für deren Scheitern war”.
Der vollständige Text der Ankündigung einer Tagung (CFP) unter dem Titel “Das literarische Leben des 19. Jahrhunderts im Spiegel der Zensur” (Düsseldorf 10/09) ist bei H-Soz-u-Kult nachzulesen. Selbst wenn man das ‘Scheitern’ der Sozialgeschichteprojekte der siebziger und achtziger Jahre (aus Mitarbeitersicht) etwas differenzierter sehen möchte: Hier wird eine literarhistorische Forschungsperspektive eröffnet, deren Potenzial man gar nicht überschätzen kann. Und die Erforschung der kriminalliterarischen Genreentwicklung kann ganz besonders davon profitieren, weil die Kriminalliteratur als Medium der Selbstbeschreibung gesellschaftlicher Ordnung stets in besonderer Weise im Fokus behördlicher Aufmerksamkeit gestanden hat.
(Im Link auf das Heinrich-Heine-Institut ist leider ein Tippfehler. Aber von da aus kommt man auch auf das wunderbare Heinrich-Heine-Portal: weil es soviel Spaß macht, gibt es gleich noch den Link auf das Old-Bailey-Kapitel in den ‘Englischen Fragmenten’ von 1828.)
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