Folgte man dem Tagesspiegel, dann müsste „einer von 100 Menschen” Psychopath sein. Doch man hört die Selbstbezichtigung im Alltag nie, weil die Nichterkennbarkeit (oder der sorgsam gepflegte Anschein von ‘Normalität’) die Geschäftsgrundlage für Psychopathen bildet.
Solange die Leitfiguren für unsere Psychopathen-Angst vor allem in den death rows und den Hochsicherheitstrakten der Gefängnissse gesucht wurden, waren die Lücken zwischen den Vor- und Abbildern (in Schulen und an Arbeitsplätzen) meist so groß, daß sie mit Ironie überbrückt werden mußten.1 Doch in den vergangenen Jahren bahnte sich der Wandel an, der jetzt den Kontext hat, der ihm zum vollen Durchbruch verhilft. Heutzutage schießt der Psychopathen-Verdacht schon durch den Kopf, wenn der freundliche Berater von der Bank anruft: “Wir sollten wieder einmal über Ihre Geldanlage sprechen”. Der Schweißausbruch wird jedoch mit der Vorstellung unterdrückt, daß diese ‘Snake” ihren ‘Suit’ von H&M hat.2 Aber (fast) jeder fängt klein an, und so bleibt die Furcht, daß schon der Junior-Berater über die angeborenen Eigenschaften verfügen könnte, denen ich (bzw. meine paar Kröten) gleich so umstandslos zum Opfer fallen werde, wie angeblich ganze Volkswirtschaften den skrupel- und reuelosen Psychopathen an den großen Rädern.
In diesem Bereich hat sich nun Ian Walker mit seiner TV-Doku I, Psychopath (2009, s. IMDB) umgetan und Arte hat mit der synchronisierten Fassung Ich bin ein Psychopath die eine Hälfte eines Themenabends bestritten, der unter dem Titel “Psychopathen — Meister der Grausamkeit” ausgestrahlt wurde.3 Walker ist an Sam Vaknin geraten, der im Alleinstellungsmerkmal des geständigen Satzes seine neue Geschäftsgrundlage gefunden hat.4
Walker operiert auf zwei Ebenen: Er schleppt seinen geständigen Psychopathen quer durch Europa von einem Experten zum anderen und läßt ihn testen. Dabei kommt heraus, daß Vaknin auf den verschiedenen Checklists hohe Werte erreicht. Doch das kann nicht überraschen, da Vaknin die Expertenliteratur intus hat und seine Selbstdarstellung an ihr orientiert — oder eben: sich hinter ihr versteckt.

Damit kommt der paradoxe Kern des ganzen Psychopathen-Diskurses zum Vorschein: Der Psychopath ist per definitionem ein Meister der täuschenden Selbstdarstellung — also müßte Vaknin, der sich erfolgreich als Psychopath darzustellen weiß, ohne einer zu sein, erst recht als Psychopath bezeichnet werden. Walker zeigt die selbstreferenzielle Geschlossenheit, ohne sie in seinen Kommentaren zu thematisieren.5 Doch er traut seinen Experten auch nicht vollständig. Das bringt er zum Ausdruck, wo er über das Experiment der kanadischen Psychopathenforscherin Dr. Angela S. Book berichtet, die sich charakteristischerweise auf das alte Leitbild beruft und der Frage nachgeht, wie sich die potenziellen Opfer schützen können. Dabei ist dann nicht mehr von Bankern die Rede:
[Book:] “Mich brachte ein Zitat von Ted Bundy, der ja oft als Psychopath beschrieben wird, auf die Idee. Er sagte, er könne ein Opfer an der Neigung des Kopfes beim Gehen erkennen. Ich fragte mich, ob das möglich ist”.
Also stellte Book eine Anordnung her, die diese Behauptung des ultimativen, aber nicht mehr befragbaren Experten verifizieren sollte: Sie holte ihre verurteilten Probanden aus den Gefängnissen und ließ sie eine ‘Zufallsgruppe’ aus Fußgängerinnen beobachten, unter der sich — nicht so ganz zufällig — ein oder mehrere Opfer von Gewalttaten befanden.
[Off:] “Ted Bundy sollte recht behalten”.
Die (Täter-)Probanden brauchten nur “Sekunden”, um die rezenten Opfer aus der Fußgängergruppe herauszufinden, da diese sich durch einen schlenkernden, asynchronen Gang auszeichneten. Daraus folgert Dr. Book, was Generationen von Eltern ihren Kindern beim Sonntagsspaziergang vorgehalten haben: Halt dich gerade, schlenker’ nicht so mit Armen und Beinen und geh’ nicht über den ‘großen Onkel’! Damit läßt Book die erzählte Realität der Vergangenheit in den Möglichkeiten der Zukunft aufgehen. Und gewiß ist das auch für Bankkunden beherzigenswert.
Walker berichtet von Books Experiment, um danach auf sein eigenes Erleben während der Herstellung des Filmes einzugehen. Er war geraume Zeit mit Vaknin unterwegs und hatte unter dessen Verhalten zu leiden. Walker sieht sich als Opfer, das stellvertretend für die vielen, die ihm zusehen, den Zugang zum und den Umgang mit dem Psychopathen gesucht hat.6 Doch sein Leiden ist unabhängig davon, ob Vaknin Psychopath ‘ist’ oder dies lediglich vorgibt. Der Ausweg aus dieser mißlichen Situation erscheint plausibel, aber er erweist sich letztlich als nicht gangbar. Walker läßt Vaknin aus seiner Vergangenheit erzählen, aus der Zeit, ehe er seine Opfer im Bereich der Start-ups und der Finanzwelt suchte (und damit scheiterte):
[Vaknin:] “Mit 12 oder 13 kam mir die Idee zu einer psychologischen Technik, zu einer Art verdrehter, heimtückischer, bösartiger Form von Therapie”.
[Off:] “Sams Textobjekt war der Sohn von Holocaustüberlebenden”.
[Vaknin:] “Um seine Seele aus dem Gleichgewicht zu bringen, ließen sich hervorragend die Erfahrungen seiner Eltern als Holocaustopfer benutzen. Einmal setzte ich ihn einem Sperrfeuer von Hakenkreuzen aus oder malte ihm welche auf sein Notizbuch. Ich konditionierte ihn, Hitler als menschlich zu betrachten. Einmal bunkerte ich Bilder von Holocaustopfern, den berühmten Photos nackter Männer auf dem Weg ins Krematorium”. [Dies wird entsprechend bebildert: Der Zuschauer wird einer schnell geschnittenen Abfolge von Nazi-Abzeichen und KZ-Leichen ausgesetzt.]
[Off:] “Nachdem er mehrere Wochen seine Knöpfchen gedrückt hatte, erhielt Sam das gewünschte Ergebnis: einen durch und durch programmierbaren Menschen”.
[Sam:] “Ich konnte ihn wie mit einer Fernbedienung programmieren. Er war eine perfekte Maschine geworden. Daraufhin definierte ich zehn oder zwanzig Stimuli und erlaubte ihm ebensoviele Reaktionen auf einer heimtückischen Skala. Stimulus sieben sollte z. B. Reaktion dreiundzwanzig hervorrufen”.
[Off:] “Aber das war zuviel für seinen jungen Freund”.
[Sam:] “Er wurde psychotisch und verbrachte drei oder sechs Monate in der Psychiatrie. Er verlor ein ganzes Schuljahr”.
In dieser — in jeder Hinsicht schauerlichen und am Schauer orientierten — Geschichte konkretisiert sich der geständige Satz zum Geständnis. Doch kann Walker sie ausdrücklich nicht verifizieren. Der Psychopath bleibt auch mit ihr das Produkt seiner selbst — und damit der in Verhalten und erneutes Erzählen umgesetzten populären Psychopathenliteratur.
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- Obwohl einer wie Ted Bundy sich schon alle erdenkliche Mühe gab, diese Lücke zu schließen: Er war — folgt man Ann Rule — ziemlich gleichzeitig Mörder, Jurastudent, Wahlhelfer der republikanischen Partei und Volunteer in einer Interventionsstelle für Suizidgefährdete. Auch sein Frauengeschmack war in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts keineswegs außergewöhnlich: Er bevorzugte Co-Eds mit langen, braunen und in der Mitte gescheitelten Haaren. [↩]
- Vgl. Paul Babiak and Robert D. Hare: Snakes in Suits: When Psychopaths Go to Work. New York: Regan Books 2006. [↩]
- Das gehört selbstverständlich zum Thema: Die ‘realen’ Psychopathen werden in den populären Darstellungen stets auf literarische und/oder filmische Vor-, Ur- oder Leitbilder bezogen. Die populären Medien kennen nichts anderes als sich selbst. Doch ob sich Highsmiths Ripley-Figur just dafür eignet, daran darf man zweifeln. — Derartige Zusammenstellungen haben bei Arte im übrigen Tradition. So strahlte man dort z. B. am 9.1.2000 einen Themenabend unter dem Titel “Der Zwang zu töten — Serienmörder/Serial Killers — Profils de Tueurs” aus, in dem neben Karmakars Der Totmacher die Dokumentationen Serienmörder. Der Zwang zum Töten von Jürgen Bevers und Die Mörder des Herrn Müller von Ernst August Zurborn gezeigt wurden. [↩]
- Ob da der Filmemacher sein Objekt oder ob Vaknin sein Medium gefunden hat, das bleibt offen. [↩]
- Robert D. Hare, der Verfasser der populären Psychopathen-Bibel, kommt einige Male zu Wort, aber er wird nicht direkt mit Vaknin konfrontiert. [↩]
- Das ist die seit rund hundert Jahren gepflegte Selbsteinschätzung der Medien-Anthropologen. [↩]
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