“Es gibt einen Moment, in dem alle Hoffnung vergeht, aller Stolz schwindet, alle Erwartungen, aller Glaube, alles Sehnen. Dieser Moment gehört mir. Dann höre ich den Klang einer zerbrechenden Seele.
Es ist kein lautes Knacken wie von splitternde Knochen, wenn ein Rückgrat bricht oder ein Schädel birst. Auch nicht weich und feucht wie ein gebrochenes Herz. Es ist der Klang, bei dem man sich fragt, wie viel Schmerz ein Mensch ertragen kann; ein Laut der das Gedächtnis zerschmettert und die Vergangenheit in die Gegenwart sickern lässt; ein Ton, so hoch, dass nur die Hunde der Hölle ihn hören können”.
Jetzt lese ich diese Stelle schon zum zweiten Mal als Beleg für das Gelingen des Romans Dein Wille geschehe von Michael Robotham (das erste Mal hier, nun da). Doch ich kann mir nicht helfen: Ich lese da jedesmal puren, schauerlichen, schlechten Crime-Kitsch. Deshalb habe ich das Original gesucht:
“You see, Joe, there is a moment when all hope disappears, all pride is gone. all expectation, all faith, all desire. I own that moment. It’s mine. And that’s when I hear the sound.”
“What sound?”
“The sound of a mind breaking. It’s not a loud crack like when bones shatter or a spine fractures or a skull collapses. And it’s not something soft and wet like a broken heart. It’s a sound that makes you wonder how much hurt can be visited upon one person; a sound that shatters the strongest of wills and makes the past leak into the present; a sound so high only the hounds of hell can hear it. Can you hear it?”
“No.”
“Someone is curled up in a tiny ball crying softly into an endless night. Isn’t that fucking poetic? I’m a poet and I don’t know it. Are you still there, Joe? Are you with me? That’s what I’m going to do to Julianne. And when her mind breaks, so will yours. I’ll get two for the price of one” (S. 382 in Robothams Shatter von 2008, Hervorhebung von mir; ob es Varianten zwischen den verschiedenen Ausgaben gibt, weiß ich nicht).
Es fängt beim Titel an: Dein Wille geschehe statt Shatter, geht dann mit der Übersetzung weiter: “Seele” z. B. für “Mind”. Dann kommen die Rezensenten und schneiden das Zitat willkürlich aus seinem Kontext heraus. So entsteht im Zusammenwirken von Übersetzung und Rezensionen der Kitsch, der dann belobigt wird, und zwar gegen den Text. Wenn Robotham Feinde sucht, dann sollte er sich unter seinen Freunden umschauen. Isn’t that fucking poetic?
7 Comments
Lieber JL,
Sie haben natürlich recht:
Der deutsche Titel ist gruselig.
Aber nach dem was ich von Autoren gelesen oder erzählt bekommen habe, ist der Titel ein Marketinginstrument und unterliegt nur bedingt der künstlerischen Freiheit des Autors. Warum also literarische Maßstäbe an etwas ansetzen, das nicht unter literarischen Kriterien erstellt wurde ?
“Mind” mit “Seele” zu übersetzen ist weder notwendigerweise falsch noch in diesem Falle unpassend, aber möglicherweise konotieren wir unterschiedliche Dinge mit dem Wort ?
“Wenn Robotham Feinde sucht, dann sollte er sich unter seinen Freunden umschauen” würde ich sehr gerne mit dem Autor selber diskutieren, zumindest kann ich nicht sehen, dass Kirsten Reimers Text ihre These der Kitschproduktionsunterstützung stützt.
Beste Grüße
Bernd Kochanowski
Lieber Bernd,
zunächst: mir ist es völlig wurscht, wer einen Titel erfindet — er ist immer ein (wenn auch besonderer) Teil des ganzen Textes. (Vielleicht sollte ich dazu sagen, daß ich auch auf Autorenintentionen nur begrenzten Wert lege.)
Aber worum es mir in meiner Anmerkung ging, das war die generelle Verkitschungsstrategie, die auf dem deutschen Markt (allem Anschein nach) mit diesem Text gefahren wurde. Und dazu gehört einfach, daß man ihn (den Text) unter der Flagge eines ganz unübersehbaren Jesus-Zitats auf den Weg schickt. Dazu gehört dann auch ‘Seele’ für ‘Mind’, denn Seele hat nun einmal im Deutschen eine andere Anmutungsqualität (meinetwegen auch Konnotation) als Mind im Englischen. Und im Text, wenn ich dies recht verstanden habe, geht es eben nicht um die Zerstörung von Seelen, sondern darum, Individuen deren ‘Selbst’, deren ‘Selbstbestimmung’, deren (emphatisch gesagt) ‘Autonomie’ zu nehmen.
Was nun das Zitat angeht, das sowohl Sie als auch Frau Reimers verwenden, so halte ich dies, ganz und gar unliteraturwissenschaftlich, für eine Leserverarsche (und, so gesehen, auch für eine Autorenverarsche): Mindestens im englischen Text ist die zitierte Passage Figurenrede, die von der Figur auch noch kommentiert — und in diesem Kommentar als Kitsch bezeichnet wird (denn ‘fucking poetic’ bedeutet im gegebenen Zusammenhang nichts anderes). Wer diesen Kontext (wie Sie und Frau Reimers) unterschlägt, der argumentiert m. E. unterkomplex und unehrlich und fällt zu Recht in die Falle, die im Text aufgestellt ist (und das spricht m. E. für den Text). Nicht der Text ist kitschig, Ihre Rezensionen produzieren (zusammen mit Verlag und Übersetzung) den Kitsch. Ich hätte keine Angst, dies auch mit dem Autor zu diskutieren.
Beste Grüße und nix für ungut
Joachim Linder
Oops. Da ist versehentlich der Entwurf rausgegangen. Nu kann man schon nix mehr machen.
Hallo Herr Linder,
Sie schreiben:
“Was nun das Zitat angeht, das sowohl Sie als auch Frau Reimers verwenden, so halte ich dies, ganz und gar unliteraturwissenschaftlich, für eine Leserverarsche (und, so gesehen, auch für eine Autorenverarsche): Mindestens im englischen Text ist die zitierte Passage Figurenrede, die von der Figur auch noch kommentiert — und in diesem Kommentar als Kitsch bezeichnet wird (denn ‘fucking poetic’ bedeutet im gegebenen Zusammenhang nichts anderes). Wer diesen Kontext (wie Sie und Frau Reimers) unterschlägt, der argumentiert m. E. unterkomplex und unehrlich und fällt zu Recht in die Falle, die im Text aufgestellt ist (und das spricht m. E. für den Text).”
Sie zitieren eine andere Stelle aus dem Buch als Herr Kochanowski und ich – da ist’s nicht verwunderlich, wenn die Texte nicht übereinstimmen. In der deutschen Ausgabe gibt es eine Art Prolog, das ist meine Textquelle (gibt es den auch im Original?) und vermutlich die von Herrn Kochanowski – wie sonst könnten die Zitate identisch sein?
Bitte etwas mehr Recherche, bevor Sie andere der Unterkomplexität und Unehrlichkeit dem Leser gegenüber bezichtigen.
Mit freundlichem Gruß
Kirsten Reimers
Sehr geehrte Frau Reimers,
wenn es denn so ist, dann gebe ich alles zu — und bleibe trotzdem bei meiner Meinung, daß Sie den Text verkitschen. Aber Sie zitieren ohne Beleg (Kritikerprivileg) und verlangen von mir Recherche, obwohl ich den Originaltext nachvollziehbar zitiere (da müssen Sie sich nur bei Amazon umsehen). Respekt insofern und
beste Grüße!
Guten Morgen, Herr Linder,
nein, nein, keine Sorge, ich verlange keine Recherche von Ihnen, um meine Rezension zu verstehen. Ich erwarte dies, wenn Sie meine Glaubwürdigkeit anzweifeln und bevor Sie mir öffentlich Unsauberkeiten unterstellen. Dies zu unterlassen und sich dann ohne Absicherung weit aus dem Fenster zu lehnen, empfinde ich als falsch.
Was genau meinen Sie damit, dass ich den Text verkitsche? Woran exakt machen Sie das fest? Mir fehlen die Belege für diese Behauptung, um sie nachvollziehen zu können. Sie schreiben: “Und im Text, *wenn ich dies recht verstanden habe*, geht es eben nicht um die Zerstörung von Seelen (…).” (Hervorhebung von mir; Ihr Post zu “Kitschproduktion” vom 01.07.2009, 19:23 Uhr). Wie ist das zu lesen? Sind Sie sich nicht sicher, ob Sie das Original in seinen Feinheiten verstanden haben? Oder ist Ihre Äußerung so zu verstehen, dass Sie nur das kennen, was in Auszügen im Internet zu finden ist? In beiden Fällen fände ich Ihre Verurteilungen fragwürdig.
Zudem geben Sie als Beleg für Verkitschung nur eine Textstelle an – und anhand von zwei Sätzen (“Someone is curled up in a tiny ball crying softly into an endless night. *Isn’t that fucking poetic*? (…).” (Hervorhebung von Ihnen) “Kitschproduktion” vom 01.07.2009) auf den kompletten Text schließen zu wollen – zumal von einer Äußerung, die auf der Ebene der erzählten Figuren gemacht wird und in erster Linie (und in diesem kleinen Ausschnitt) nur etwas über diese sprechende Figur aussagt -, scheint mir etwas kurz gegriffen.
Nichts für ungut.
Mit freundlichem Gruß
Kirsten Reimers
PS: Zum Titel: Die Titel übersetzter Trivialliteratur haben nichts mit dem Inhalt der Bücher zu tun (mit Autorenintention schon mal rein gar nichts, aber das ist auch bei den Originaltiteln schon so). Gerade bei dieser Art von Literatur sind die Produktionsbedingungen mitzudenken: Die Titelfindung geschieht in einer Marketingrunde, oft gemeinsam mit den Vertretern, die diese Bücher in den Buchhandlungen vorstellen werden. Komplett und intensiv gelesen hat das jeweilige Buch keiner der Beteiligten. Es mag Vorschläge von der/dem betreuenden Lektor/in geben, aber die sind oft nur Katalysatoren für Neuschöpfungen. Buchtitel in der Trivialliteratur basieren auf Marketingstrategien, nicht auf Inhalten oder gar Aussagen.
Sehr geehrte Frau Reimers,
ich habe in der Tat von meinem Kontext-Zitat auf den ganzen Text Ihrer Rezension geschlossen. Ich kann immer noch nicht sehen, daß ich falsch zitiert hätte und daß der selbstreflexive Schlenker in einer Rez. nichts zu suchen hätte. Aber inzwischen halte ich Robothams Freud-Spielchen für hochkomisch. Unsere Perspektiven sind ganz unverträglich geworden. Wir können’s um so leichter dabei belassen, als ich nicht vorhabe, mich noch einmal in Ihr Geschäft einzumischen.
Mit den besten Wünschen und Grüßen
Joachim Linder