Strafjustiz und Europamüdigkeit

Heinrich Zschokke: Lyonel Harlington. Ein Mann der neuen Welt in der alten. (In: H. Z.:Ährenlese, 3. und 4. Thl. Aarau: Sauerländer 1847. So, wie sich der Text in fünfzig relativ kurzen Kapiteln präsentiert, scheint mir eine frühere Fortsetzungsveröffentlichung in einer Zeitschrift oder dgl. nicht unwahrscheinlich. Aber da ich kein Zschokke-Spezialist bin, kann es dauern, bis ich das herausgefunden habe.)1

Den Text gibt es in mehreren Google-Digitalisierungen aus Werkausgaben, man muß nur blättern (H. Z.: Novellen und Dichtungen, Philadelphia 1854; Novellen und Dichtungen. Zehnte vermehrte Ausgabe. Zwölfter Theil. Aarau: Sauerländer 1865).

Der Text verwickelt seine Titelfigur in ein Strafverfahren, dessen Ausgang unsicher ist, obwohl die Leser wissen, daß Harlington die angeklagten Taten nicht begangen hat. Damit finden Befürchtungen Eingang in den Text, die in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts hauptsächlich mit dem Fall Fonk (s. hier und hier) verbunden wurden. Harlington drückt dies – etwas ungeschickt – so aus: “‘ich hatte schon wieder ganz vergessen, daß ich des Verdachts, folglich des unausweichlichsten aller möglichen Verbrechen schuldig geworden bin’” (Kap. 40).

Gleich im ersten Kapitel werden Verbrechenssachverhalte konstruiert, nicht vor Gericht, sondern im Wirtshaus. Der Täter dieser Geschichte wird im zweiten Kapitel öffentlich hingerichtet; dem Titelhelden wird, während er das Spektakel beobachtet, eine wertvolle Uhr gestohlen, was er im dritten Kapitel einer Polizeidirektion meldet, die wenig Interesse zeigt und dem Ausländer mißtraut. Doch im sechsten Kapitel zeigt sich, daß die Uhr in den Besitz eines Obergerichtspräsidenten gelang ist, der gleich noch erzählt, daß am vermeintlichen Mörder des ersten Kapitels ein Justizmord vollzogen wurde. (Harlington kommentiert: “Er war also kein Verbrecher; aber die, welche den Stab über ihn brachen, was anders waren sie, als blinde, wenn auch legitimirte Mörder eines Unschuldigen”). Die Uhr wird ihrem Eigentümer anstandslos zurückerstattet, so daß trotz aller widerstreitenden Meinungen eine Freundschaft zwischen Harlington und dem Oberpräsidenten entstehen kann. Aber auch dieser kann nicht verhindern, daß die Uhr im 37. Kapitel eingezogen wird, als Harlington unter schwersten Verbrechensvorwürfen – Landfriedensbruch, Mordversuch, Aufruhr und mehr dgl. – verhaftet wird. Das Strafverfahren zieht sich nach dem alten Verfahrensrecht über einige Monate hin, führt aber endlich zum vollständigen Freispruch.

Lyonel Harlington ist kein Text für die “Criminal-Bibliothek“. Er (bzw. sein Autor) kümmert sich nicht im geringsten um die sich entwickelnden Konventionen des Genres. Schon gar nicht ist er an Verbrecherfiguren interessiert, was schon im zweiten, im Hinrichtungskapitel klar wird, in dem sich der Titelheld vom Schafott ab- und dem Publikum des Spektakels zuwendet (und damit insgeheim dem Beispiel Hegels folgt). Lyonel Harlington beobachtet die Gesellschaft, in der er sich bewegt. Er ist gleichermaßen an ihrer politischen Ordnung interessiert wie an den Außenseitern, die von dieser Ordnung produziert werden. Dabei kommt zwar zuerst und (fast) zuletzt die Strafjustiz in den Blick, aber sie ist nicht das einzige Ordnungsinstrument, das Wandel verhindern soll und — aus der Sicht Harlingtons — Umsturz heraufbeschwört.

Lyonel Harlington ist (wenn ich richtig gerechnet habe) 1831 fünfundzwanzig Jahre alt und schon seit drei Jahren mit seinem Mentor auf großer Tour in Europa. Deutschland soll die letzte Station sein, ehe er die Rückkehr nach Tuscaloosa in Alabama antritt, wo er den ererbten Landbesitz verwalten und kolonisieren wird. Harlington ist reich, gebildet und weltgewandt,  er wird im biedermeierlichen Deutschland der kleinen, selbständigen Herrschaften in vielfacher Hinsicht als Exot wahrgenommen und macht sich verdächtig, weil er sich in den extremen gesellschaftlichen Bereichen Gesprächspartner und Freunde sucht – und als Frau schließlich die unehelich geborene Cäcilie mit nach Hause nimmt, die von einem mittlerweile als Straßenräuber hingerichteten ehemaligen Metzger und Scharfrichter aufgezogen worden war. Weiter kann man die ständische Vorurteilsfreiheit nicht treiben. Doch die Rückkehr nach Amerika wird zuletzt noch fraglich und damit erst zum letztgültigen Beweis für die männliche Reife, die ihm auf seinen Reisen zugewachsen ist. Harlington erfährt ganz am Ende, daß er aus der Mésalliance seiner Mutter mit einem ranghöheren Mann hervorgegangen ist. Der Landesherr gibt sich ihm als Vater zu erkennen, nur um den Sohn gleich wieder an die neue Welt zu verlieren, in der dieser sein eigenes Land zu bestellen hat.

Harlington scheut sich nie und nirgends, seinen hochgestellten Gesprächspartnern die Meinung über die deutschen Zustände zu sagen, vor allem darüber, daß der ‘Mittelstand’ “Denk- und Redefreiheit, Glaubens- und Preßfreiheit, Gewerbs- und politische Freiheit” (Kap. 33) brauche, wenn die deutschen Zustände sich in einem geordneten Wandel bessern sollen. Die Hartleibigkeit der Regierenden wird mit dem traditionell wüsten Antisemitismus zum Ausdruck gebracht, den der Text ausgerechnet dem scheinbar fortschrittlichen Oberpräsidenten in den Mund legt: “‘Gestehen sie selber, sind diese Juden nicht das Ungeziefer, welches auf allen Ländern umherkriecht und deren Wohlstand seit Jahrhunderten zernagt’” (Kap. 24).

Harlington ist, versteht sich, weder hartgesottener Republikaner noch gar (wie er verdächtigt wird) Mitglied eines kommunistischen Clubs, sondern erscheint zunächst als besserwisserische Nervensäge, die sich in fremde Angelegenheiten ungefragt und risikolos einmischt. Erst mit dem Strafverfahren wird er so in die deutschen Verhältnisse verwickelt, daß seine Distanzierung Glaubwürdigkeit erhält. Einmal mehr (s. z. B. Müllner und Puttkammer) treibt die Justiz die Auswandererzahlen in die Höhe.

  1. Den Hinweis auf Zschokkes Text verdanke ich Holger Dainat: Räuber im Oktavformat: Über die printmediale Aufbereitung von Kriminalität im 18. Jahrhundert. In: Verbrechen im Blick. Perspektiven der neuzeitlichen Kriminalitätsgeschichte. Hg. von Rebekka Habermas und Gerd Schwerhoff. Frankfurt/M. und New York: Campus, 2009. 339–366. []

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