Willibald Alexis: “Die ehrlichen Leute”

Zuerst im Frauentaschenbuch 11 (1825), S. 43-116, hier zitiert nach der veränderten Fassung der Novellenausgabe von 1830, 2. Bd., S. 2-89.

“Eines Abends klopfte es an, und ein junger Mensch trat ein. Er mochte zwischen zwanzig und vier und zwanzig Jahre alt seyn, hatte ein blühendes, offenes Gesicht, obgleich ein schielender Zug zwischen den Augen mir seltsam vorkam. [...] Endlich brachte er sein Gesuch zugleich mit der Rolle zum Vorschein. Es bestand in nichts anderem, als der Bitte, seine Lebensgeschichte, etwa in Form einer Novelle, zu schreiben, und zu diesem Behufe sein eigenes Memoriale durchzulesen. [...] Nachdem dieß geschehen, erwiederte ich ihm:
‘Ich muß mich wundern, mein Herr, wie Sie irgend Jemandem anmuthen können, Ihr Leben zu schreiben.’
‘Nicht irgend Jemandem, sondern Ihnen,’ erwiederte er.
‘Ihr Leben taugt ganz und gar nicht, um durch den Druck verherrlicht zu werden. Weshalb soll ich nun zur Ehre kommen, Sie zum Helden einer Novelle zu machen?’
‘Weil die Helden Ihrer bisherigen Novellen auch nichts taugen,’ erwiederte er kaltblütig.
Es war ein schlagendes Argument.”

Nach dieser Einleitung, in der Held und Akte zusammen anwesend sind und sich zur Verarbeitung anbieten, kann der Plot nicht wundern: Der Held sieht seine Verbrecherehre schwinden, die “Kunst” des Diebes verkommt durch die “materialistische Ansicht” zum Handwerk. Das führt dazu, daß er sich von den ‘ehrlichen Leuten’ distanziert. Er muß zwar noch durch ein kurzes Purgatorium, aber dann kann er eine Familie gründen und eine Stelle als Maschinist am Theater antreten.

Der bürgerlichen Gesellschaft und dem Literaturbetrieb der 1820er Jahre in Berlin wird mit der Konstruktion einer zünftig organisierten Unterwelt der Spiegel vorgehalten. Die ‘Besserungsnovelle’ gerät zur Satire auf die  Verhältnisse, die nur durch “Opposition” wieder in Bewegung gebracht werden können. Der satirische Zugriff erfaßt auch die literarischen Verbrechensformate des Trauerspiels und der moralisch-psychologischen Erzählung.

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