Sollte sich da etwa ein Goethe-Fieber ankündigen? Erst war es der Hamburger Kriminologe, der seine Erlebnisse auf dem Frankfurter Flughafen mit der Hilfe des Dichterfürsten deutete, jetzt ist es der “Amokforscher” Dr. Jens Hoffmann, der in Ansbach den Werther-Effekt entdeckt:
Wir haben da einen Nachahmungseffekt, ganz deutlich. Das bedeutet konkret, wenn man eine solche Tat an einer Schule einmal im eigenen Land hat, steigt das Risiko enorm an, daß andere Jugendliche sich darauf beziehen und sagen, ich möchte auch unsterblich berühmt werden durch eine solche Tat und reihe mich sozusagen in die Reihe der düsteren Helden ein. Deswegen sind wir nach den USA weltweit das Land mit den meisten solchen Taten.
[...]
Es ist einfach eine neue kulturelle Handlungsmöglichkeit, ein kulturelles Script, wie wir’s nennen, was es vorher noch nicht so gab. Früher haben Jugendliche, die in einer, ja, in einer Mischung aus kalter Wut und Verzweiflung, Depressivität lieber vielleicht über Selbstmord nachgedacht und sich stabilisiert.
[...]
So daß wir hier eine ganz neue Form der düsteren Kultur haben. Wir kennen das schon aus dem Selbstmord seit Jahrhunderten. Der sogenannte Werther-Effekt hat beschrieben, daß es nach der Veröffentlichung des Buches von Goethe, Die Leiden des jungen Werthers, eine Selbstmordreihe gab, die sich daran orientiert hat. Es ist also nichts neues, grundsätzlich [...] (BR-Radiowelt, 18.9.09, 8:05ff., Podcast).
Einmal abgesehen davon, daß hier Neu und Alt ununterscheidbar durcheinandergehen, ist der “Werther-Effekt” eine US-amerikanische Erfindung aus dem Jahr 1974 (und wenigstens die Adepten der Serienkiller-Forschung sollten davon nicht überrascht sein). Schon sein Erfinder zweifelte daran, ihn für den Werther selbst nachweisen zu können:
Two hundred years ago, Goethe wrote a novel called The Sorrows of the Young Werther, in which the hero committed suicide. Goethe’s novel was read widely in Europe, and it was said that people in many countries imitated Werther’s manner of death. According to Goethe, “My friends.. .thought that they must transform poetry into reality, imitate a novel like this in real life and, in any case, shoot themselves; and what occurred at first among a few took place later among the general public…(Goethe, quoted in Rose, 1929: XXIV.) Widespread imitation of Werther’s suicide was never conclusively demonstrated, but authorities were sufficiently apprehensive to ban the book in several areas [...]. (David P. Phillips: The Influence of Suggestion on Suicide: Substantive and Theoretical Implications of the Werther Effect. In: American Sociological Review, Vol. 39, No. 3 (Jun., 1974), pp. 340-354, hier p. 340.)1
Auf Goethe kann sich der Werther-Effekt keinesfalls berufen:
Wie ich mich nun aber dadurch erleichtert und aufgeklärt fühlte, die Wirklichkeit in Poesie verwandelt zu haben, so verwirrten sich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln, einen solchen Roman nachspielen und sich allenfalls selbst erschießen; und was hier im Anfang unter wenigen vorging, ereignete sich nachher im großen Publikum und dieses Büchlein, was mir so viel genützt hatte, ward als höchst schädlich verrufen. (Dichtung und Wahrheit, 3. Teil, 13. Buch.)
In den Zeiten des obsessiven Re-Enactments zeigt die Berufung auf dessen frühzeitige Ironisierung allenfalls Apperzeptionsunwilligkeit an.
- Vgl. Andreas Bähr: Der Richter im Ich. Die Semantik der Selbsttötung in der Aufklärung. (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 180). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2002, S. 235ff. Man kann da und anderswo nachlesen, daß die Verbote des Werther nicht zum Schutz der potenziellen Suizidanten erlassen wurden, sondern im Hinblick auf die real existierenden Suizidverbote, die mit Sanktionen versehen waren. [↩]
Verwandte Artikel:
3 Kommentare
Da darf ich einmal auf die Forschung eines Freundes hinweisen, der exakt diese beiden Phänomene enggeführt hat: Michael Nagenborg hat zum Werther-Effekt promoviert und arbeitet jetzt seit einigen Jahren als Medienphilosoph zum Thema Medienehtik. Im telepolis-Buch “Virtuelle Welten – Reale Gewalten” hat er zu beidem was veröffentlich:
Michael Nagenborg/Mahha El-Padagh: Gewalt ist eine Lösung – leider. Die Attraktivität von Gewaltdarstellungen lässt sich besser verstehen, wenn man sich die Tabuisierung von Gewalt im Alltag vor Augen führt. In: Florian Rötzr (Hg): Virtuelle Welten – Reale Gewalten. Hannover: heise 2003, S. 44-49.
Michael Nagenborg: Die interaktiven Leiden des jungen Werther: Selbstmordforen und Internetsuizide. In: Ebd., S. 131-143.
Danke: bestellt! (Haben Sie Tom McCarthys ‘Remainder’ gelesen? Der wäre hier einschlägig — im Wortsinne.)
Beste Grüße!
Nein, das kenne ich noch nicht aber ich bin dankbar für jeden Hinweis, der mich vom Computermonitor weglockt.