Müllneriana: Bürgers Gutachten

… man könnte auch, wäre der Titel nicht schon anderweitig belegt, von der Bürgerrezension sprechen, zu deren Objekt sich Müllner als (Fast-noch-)Pennäler dadurch machte, daß er seinem Onkel ein paar Gedicht- und Übersetzungsproben zusandte, die dieser in einer ausführlichen Antwort würdigte. Der Briefwechsel wurde 1833 von einem (mir) unbekannten Herausgeber veröffentlicht, der sich allem Anschein nach über Müllner zu dessen Lebzeiten geärgert hatte und sich nun darüber freuen konnte, daß Bürger die widrigen Anlagen des späteren Literaturkritikers schon früh erkannt hatte. Das wär’ nicht weiter bemerkenswert, hätte Bürger für die poetischen Adoleszenzvergehen nicht ein allgemeingültiges Bild gefunden:

So viel muß ich Dir jedoch im Allgemeinen sagen, daß ich mich über Dein Talent, über Deine mechanische Gewandtheit, über Deine schönen humanistischen Kenntnisse in mehr, als Einer Rücksicht ausnehmend gefreut habe. Ich gestehe Dir gern, daß ich in Deinen Jahren so weit noch nicht war, wie ich an einigen Windeln wahrnehme, die ich aus jenem Zeitraume noch aufbewahrt habe.

Leicht wird es Müllner ohnehin nicht gefallen sein, dem Onkel den Brief zu schreiben und die Beilagen zu schicken. Man kann sich vorstellen, daß er von der Mutter dazu gedrängt wurde, der daran gelegen sein mochte, den Sohn auf eine gutbürgerliche Bahn zu lenken. Läßt man sich auf diese Phantasie ein, dann mag Bürger zu dieser Zeit (1793) im Hause Müllner auch eher als Abschreckungsbeispiel gedient haben. Jedenfalls behauptete Müllner später, vom Brief des Onkels entmutigt worden zu sein und “von dieser Zeit an alle Versuche in der Dichtkunst, bis auf unbedeutende Gelegenheitsverse [aufgegeben zu haben]; nicht so die Lectüre von Schiller‘s Dichterwerken, die ihn am meisten befriedigten” (zit. nach 1830a, S. 15). Wenn diese Bemerkung tatsächlich von Müllner selbst stammt, dann enthält sie eine späte Rache. Schiller war, wiederum in Müllners Worten, der “Bürgerschen Popularität und Kraftsprache” abhold, aber er scheute sich auch (jetzt dreht  sich Müllner ein weiteres Mal),

eine  gewisse Kritik im Felde der tragischen Kunst eine Moralitätsgimpelei zu nennen, welche überall, und folglich auch da, wo es auf künstlerische Anregung mächtiger Affecten ankommt, nach edelmüthigen Gesinnungen und tugendhaften Handlungen piept, und nicht selten in dem Geiste des Bedienten Matz in Kotzebue’s Intermezzo [1810] sich ausspricht, welcher auf der Straße die Polizei gegen den Lord Burleigh aufruft, weil er eben im Theater die fromme Maria Stuart auf das Schaffot gebracht hatte (1830b, S. 8).

Womit sich — ganz zwanglos — Ferdinand Albus mit seinem Geständnis und Müllners Krimiprojekt überhaupt ins Bild schiebt.

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