oder: Wie Temmes Kriminaldirektor dem Assessor Häring zum Avancement verhalf.
1832 – Temmes Ich-Erzähler ist als Kriminaldirektor an der seinerzeit preußisch-russischen Grenze, also im geteilten Polen, mit einem hohen russischen Beamten verabredet. Gewohnt lakonisch stilisiert er sich als Beobachter in einem fremden Raum, in dem sich die Menschen auf undurchschaubare Weise darstellen, so daß zunächst ein Gefühl der Bedrohung aufkommt. Doch er erkennt schnell, daß er es mit Verfolgern und Verfolgten zu tun hat: Polizei- und Militärangehörigen der russischen Besatzungsmacht kommen illegal über die Grenze, um Protagonisten des ‘Novemberaufstands’ aufzugreifen und zu verschleppen. Die einheimische Bevölkerung kollaboriert aus Furcht und die preußischen Verwaltungsbehörden dulden stillschweigend die “Grenzexcesse” der Verbündeten. Doch der Kriminaldirektor ist von der zeitgemäßen Polenbegeisterung erfaßt und verachtet den russischen Despotismus, der keine Gesetze kennt, sondern willkürlich verhaftet, verschleppt und vernichtet. Er entschließt sich, wenigstens den Grafen Tomborski und seine Familie vor dem Zugriff der Russen zu retten. Der Plan ist riskant, auch für die eigene Sicherheit und Stellung. Doch er bringt den Dorfschulzen und den Krugwirt auf seine Seite, indem er mit Strafverfolgung wegen Menschenhandels droht. Der Erfolg ist aber erst gesichert, als der preußische Regierungsassessor Häring aus Gumbinnen eintrifft, dem die örtliche Polizei untersteht. Häring will die russischen Aktionen wohlwollend beobachten; er bezeichnet sie gegen alle Erfahrung als Ausdruck ‘väterlicher Milde’, mit der die Polen diesseits und jenseits der Grenze zur Raison gebracht würden. Als Verwaltungsjurist hatte er in Berlin keine Karrierechancen gesehen und sich versetzen lassen, um seine Aussichten auf Beförderung und Anerkennung zu verbessern. Er gilt vor allem den Litauerinnen als der ‘schwarzweiße Storch’, der in Frack und weißer Weste die preußischen Obrigkeit repräsentiert und ihnen nachstellt, wo er nur Gelegenheit hat. Ihm wird die tragikomische Rolle in der Befreiungsaktion des Kriminaldirektors zugedacht: Er wird betrunken gemacht und in die Kammer gelegt, in der die Russen bei ihrer nächtlichen Aktion den Grafen und seine Familie erwarten müssen. Der Plan gelingt, das russische Militär verschleppt den preußischen Beamten, so daß der polnische Graf entkommen kann. Mit einer zusätzlichen Bestechung auf der russischen Seite gelingt im Anschluß auch die Wiederbefreiung Härings. Dessen Avancement steht nun nichts mehr im Wege, da seine Vorgesetzten alles Interesse daran haben, den peinlichen Vorfall unter der Decke zu halten. (Und über Temmes spätere Schicksale in Preußen belehrt ein Blick in die Geschichtsbücher.)
Temmes Erzählung “Der schwarzweiße Storch. Ein Bild von der Grenze” ist zuerst in der Gartenlaube erschienen (1861, 11, S. 161-164; 12, S. 177-180; 13, S. 193-196) und dann in der Erzählungssammlung, die in sechs Bänden 1868 in Leipzig bei Dürr erschienen ist (4. Bd., S. 145-220).
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Der ‘schwarzweiße Storch’ ist die Bezeichnung für das preußische Wappentier, mit der die Verachtung für die Obrigkeit ausgedrückt wird, die der Assessor Häring repräsentiert. Er steht in der Erzählung ausdrücklich für den Niedergang des preußischen Beamtentums in den Jahren nach 1819/20. Max Gust rechnet ihn ohne nähere Bezeichnung zu den “historischen Persönlichkeiten”, die Temmes erzählte Welten bevölkern (man trifft ihn als “Hering” z. B. auch im Roman Die schwarze Mare von 1854 an). Das Rätsel des Namens ist damit freilich nicht gelöst: Wilhelm Häring (Willibald Alexis) kommt, wenn ich es recht sehe, bei Temme sonst nirgends vor, weder als Pitaval-Herausgeber noch als der ‘märkische Scott’. Dabei kannte sich Temme in der Berliner Gesellschaft der vierziger Jahre gut aus und spricht beispielsweise in seinen Erinnerungen mit — wenn auch ironisch getönter — Sympathie von Julius Eduard Hitzig, den er als Juristen achtete, obwohl er ihn beim König angeschwärzt hatte. Mit der Figur des Assessors aber greift er jungdeutsche Wortspiele auf und erinnert an den Häringssalat, mit dem Börne sich 1835 gegen die antisemitischen Anwürfe des Rezensenten Alexis zur Wehr gesetzt hatte. Und damit macht er doch den Autor Alexis zu einem Repräsentanten des von ihm abgelehnten Preußen seiner Gegenwart und seiner Erfahrungen. Nicht ohne Gründe — aber belegen kann ich das noch nicht.
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