Wilhelm Müller: “Der Dreizehnte” (1827)

Der Dreizehnte. Novelle von Wilhelm Müller. In: Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1827, S. 1-82.1

Der Urania-Band von 1827 ist vollständig über den BSB-OPAC zugänglich. Eine zweite Novelle von Müller unter dem Titel “Debora” ist in Urania von 1828 erschienen und noch nicht zugänglich.

Die Chancen, das Ende des Textes lebend zu erreichen, sind für eine Figur wie Bernhard Sölling denkbar gering.2 Die Figur, an der ein Text sein Exempel statuiert, geht normalerweise mit dem Tod ab. Um so mehr, wenn das Exempel nicht der Figur selbst (oder eben ihresgleichen) gilt. sondern den gesellschaftlichen Prinzipien, nach denen Abweichung und Kriminalität hervorgebracht und wahrgenommen werden.

Bernhard Sölling stürzt von dem Glockenturm, als dessen Türmer er eine Familie gründen wollte. Sein Leben endet im ‘Wahnsinn’ und im Tod wie das Nathanaels in Hoffmanns “Sandmann” (1817). Dabei sind die ‘Wahrnehmungsstörungen’ beider Figuren auf Ursachen zurückzuführen, die hauptsächlich in ihrer Umwelt zu suchen sind. Beide verlieren darüber hinaus frühzeitig ihre Väter und sehen sich den Lenkungen durch Ersatzväter ausgesetzt.

Bernhard Söllings Leben wird davon bestimmt, daß er als letztes und eben dreizehntes Kind seiner Eltern geboren wurde. Absurder Aberglaube entfaltet Wirkung weil er geglaubt wird (das Thomas-Theorem läßt grüßen). Das führt zum Tod eines Lehrers, zur schweren Verletzung eines Freundes, zur Flucht des fünfzehnjährigen Bernhard aus seiner Familie und letztlich auch zu seinem Tod. Aber damit der Aberglaube in dieser Weise wirken kann, müssen ihm die Türen geöffnet werden. Vor diesem Hintergrund dekliniert der Text das Versagen und die (spiegelbildlichen) Defizite von Vaterfiguren durch. Er stellt die Selbstverständlichkeiten in Frage, so daß sie ihre grotesken Rückseiten zeigen: Ist beispielsweise die ominöse Zahl Dreizehn erreicht, wenn Jesus und seine zwölf Jünger zum Letzten Abendmahl Platz nehmen? Oder anders: wird sie vermieden, wenn eine Stammtischrunde aus dreizehn Teilnehmern einfach den Kellner in ihren Kreis zieht?

Der Fall des durch den Aberglauben induzierten Wahnsinns wird in einer elaborierten erzählerischen Konstruktion präsentiert: Karl Sölling, der (eine Stunde früher zur Welt gekommene) Zwillingsbruder, erzählt in der erwähnten Stammtischrunde die Adolsezenzbiographie Bernhards bis zur Flucht , er rekonstruiert und deutet das Familienleben, die unterschiedlichen Erziehungssysteme, die an Bernhard (aus Umweltsicht) versagten. Bernhard selbst berichtet von seinen Wanderungen als Klarinettenspieler, die ihn zum Stralsunder Kirchturm führten, und von seiner zweiten Flucht, die er als Folge der Begegnung mit einer Wahrsagerin darstellt. Sie hatte ihn erneut auf die Unglückszahl hingewiesen. Eine erste Erzählereinschaltung liefert Karl Söllings Biographie und dessen klug vom älteren Bruder (als der letzten, idealen Vaterfigur) gelenkte Ausbildung zu einem Maler, der seine bescheidenen Talente in eine bürgerliche Existenz umsetzen kann. Überanpassung, so sieht man hier auch, produziert eben keine Stammtischgeschichten. Ein zweites Erzählerkapitel gilt dem Ende Bernhards, der am Totenbett seiner Verlobten jeden Halt in der Realität verliert und beim Versuch, dreizehn Mal die Kirchenglocke anschlagen zu lassen, vom Turm stürzt.

Ein –  selbst wiederum ‘hoffmannesker’ — Rahmen umgibt die multiperspektivische Vermittlung von Informationen und Deutungsangeboten. Doch variiert Müllers Text die Vorbilder, indem er die Mitglieder der Rahmengesellschaft explizit als Nachwuchs der Repräsentations-, Ordnungs- und Reflexionseliten charakterisiert. Juristen gehören dieser Gesellschaft an, ein Finanzassessor, bildende Künstler unterschiedlicher Stil- bzw. Moderichtungen, aber auch der Philosoph, der Historiker und der Dichter. Sie alle nehmen die Gelegenheit wahr, das Erzählte und den Protagonisten an verschiedenen Stellen zu kommentieren. Sie repräsentieren das Publikum, an das sich das Exempel des mißlungenen Lebens richtet, nicht aber, damit sie es am  eigenen Leben messen, sondern damit sie es in ihren Berufstätigkeiten verarbeiten. Dafür steht freilich nur noch der Dichter ein, der aus dem (‘eigentlich unpoetischen’: von Borries) Stoff eine Novelle machen möchte. Damit kommt — siehe oben — zu allem Überfluß das Problem der literarischen Konventionen in den Blick, die den Tod des Wahnsinnigen verlangen. Der tritt, zum Glück für die Literatur, einige Tage nach Bernhards Fall vom Turm ein. Literatur produziert zwar die Wirklichkeiten, die sie verarbeitet, doch sie macht sie auch unterscheidungsfähig. So ziemlich alle Aspekte des Wandels der Novellenproduktion im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts kann man in Müllers Text erkennen. Kein schlechter Ertrag für achtzig Kleinoktav-Seiten.

  1. Inhalt des Bandes:
    Der Dreizehnte. Novelle von Wilhelm Müller, S. 1-82
    Jahn der Büßende. Von Wilhelm Blumenhagen, S. 83-182
    Sechs Sonette an Friedrich Graf von Kalckreuth. Von Ludwig Sigismund Ruhl, S. 183-190
    Nordische Freundschaft. Novelle von L. Kruse, S. 191-284
    Muscheln von der Insel Rügen. 1825. Von Wilhelm Müller, S. 285-312
    Der Collaborator Liborius. Novelle von Willibald Alexis, S. 313-466
    Hans Hemling. Romanzen von Gustav Schwab, S. 467-480Die arme Margarethe. Erzählung von Johanna Schopenhauer, S. 481-524. –
    Quelle der Abb.: Artikel zu Schuberts Liedzyklus “Die Winterreise”, mit Texten und biogr. Informationen, s. auch WP und ADB/NDB. []
  2. Eine knappe, auf die Figur und den literarhistorischen Kontext bezogene Charakterisierung der Novelle von Müller liefert Erika von Borries 2007, s. Google. []

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