Impostoren (Alexis: Acerbi, 1829)

Ich bin kein Impostor. Nein!

Willibald Alexis: Acerbi. Novelle. In: Taschenbuch für Damen. Auf das Jahr 1829. Stuttgart und Tübingen: Cotta 1829, S. 73-248. Zweite Ausgabe in W. A.s Gesammelte Novellen, 4. Bd. Berlin: Duncker & Humblot 1831, S. 1-196. Zitiert wird im Folgenden nach dieser Ausgabe (beide sind online zu lesen).

unter dem polizeilichen namen hochstappler versteht man einen menschen, der entweder wirklich der gebildeten gesellschaft angehörend oder unter der behauptung ihr anzugehören, wiederum nur die mitglieder dieser gesellschaft unter allerhand vorspiegelungen in contribution setzt. publicist von 1858 no. 27 (Grimm)

Schon weil ihm klar war, daß nicht das ‘Hochstapeln’ an sich den Straftatbestand darstellt, sondern u. U. erst die Täuschungen, mit denen die ‘Contributionen’ veranlaßt werden, scheint Willibald Alexis ‘Hochstapler’ und ‘Hochstaplerin’ für die Fallgeschichten des Neuen Pitaval reserviert zu haben (vgl. den Fall Menges-Hereforth). Für den allgemeineren Fall, daß jemand einen ungedeckten Anspruch auf eine bestimmte soziale Stellung erhebt, verwendet er den Begriff ‘Impostor’, und zwar quer durch sein ganzes Œuvre, also von “Acerbi” bis zu seinem letzten Roman Dorothe (1856):

Damit wird für diese Figuren auch ein literarhistorischer Anspruch erhoben, der immer dann mitzudenken ist, wenn den Hochstapler- bzw. Impostoren-Figuren Bezeichungsfähigkeiten für die geschilderten Gesellschaftsausschnitte zugeschrieben wird.  Alexis rückt aber schon in der “Einleitung” zu Avalon (“frei nach dem Englischen von Walter Scott”, 1827) auch die Autorschaft in die Nähe eines schwer oder überhaupt nicht deckungsfähigen Anspruchs — was nach der Publikationsgeschichte von Walladmor (“frei nach dem Englischen des Walter Scott”, 1823) nicht unbedingt verwundern kann, aber doch ein Indiz liefert für die Richtung, in die seine Reflexionen gegangen sind.

Acerbi, dessen Name französisch auszusprechen ist,1 trifft um 1820 als Abenteurer auf den Grafen Arnheim, der erst vor kurzer Zeit zum Oberhaupt der Adelsfamilie geworden ist.

Am Ende des Textes ist Acerbi tot und man weiß, daß er der Sohn der Esperance von Arnheim und des Arnheimschen Hauslehrers war, mit dem sie in den Jahren der Revolution nach Paris durchbrannte. Acerbi ist, ohne dies je zu erfahren, der letzte Abkömmling der ‘untergegangenen’ Arnheim-Linie. Esperance hatte sich mit ihrem Kind nach der Trennung vom Erzeuger an dessen Vater gewandt. Sie gab sich als ‘Polin’ aus und blieb, so lange sie im Haus des Pfarrers Blühdorn lebte, ihrer revolutionären Gesinnung treu und lehnte es ab, für sich oder ihren Sohn Ansprüche an das adlige Erbe zu stellen. Damit ermöglichte sie es erst, daß sich der Bruder ihres Vaters als Chef des Hauses derer von Arnheim darstellen konnte.

Acerbi wächst unter dem strengen Regiment des Pfarrers auf, das aber nicht recht anschlägt. Psychologisch gesehen wird Acerbi als Opfer einer verwirrenden Situation geschildert — er steht zwischen einer Mutter, die alle eigenen Ansprüche so gewaltsam unterdrückt, daß im Kind eine Vorstellung seiner  Rätselhaftigkeit entstehen muß, und einem Pflegevater, der ihn dezidiert zu einem nützlichen Glied der bürgerlichen Gesellschaft machen will, ihn stets zur Arbeit an-, aber von höherer Bildung fernhalten will.2 ‘Denk an Amerika’ ist das Motto dieser Erziehung, demzufolge keine Sprache braucht, wer sich von seiner Hände Arbeit durchbringen kann.

Als ‘Baron’ sucht Acerbi Zugang zu einer zutiefst verunsicherten Adelsgesellschaft, die in ihren Positionen nach Krieg und Wiener Kongress Einbußen verkraften muß. Gleichzeitig werden die tradierten Unterscheidungen durch die ‘Zuflüsse’ von Exilierten und Neunobilitierten in Frage gestellt und bürgerlicher Reichtum kann sich mehr und mehr in Szene setzen (‘Der Adel hat kein Geld’, lautet die entsprechende Selbstdiagnose.) Graf Arnheim fühlt sich bei aller Unsicherheit zu Acerbi hingezogen (‘Blutsbande’ wirken unerkennbar). Aber er muß mit dessen Tod erkennen, daß die Position der eigenen Familie mit ihm an ein Ende kommt, das ihrem Anfang entspricht. Mit einem Impostor hat schon begonnen, was mit einem solchen endet. (“Daß wir alle Nachkommen eines Betrügers sind”.)

Alexis’ Erzählung setzt nicht umsonst in einer Posthalterei ein, in der es drunter und drüber geht: Soeben ist der Landesherr mit großem Gefolge durchgekommen, so daß für die Diligence keine Ersatzpferde zur Verfügung stehen und auch Arnheim mit seiner Tochter zu einem unerwarteten Aufenthalt gezwungen wird. Dafür steht kein privater Raum zur Verfügung, so daß in den überfüllten Wirtschaftsräumen unerwünschte Begegnungen mit unverhofften Folgen nicht zu vermeiden sind. Doch auch die häufigen Ortswechsel bringen insofern keine Erleichterung; selbst im Schloß, dem Rückzugsraum der Familie, trifft man auf die bekannten zwielichtigen Figuren, deren Gesprächsbeiträge zugleich Langeweile und Unsicherheit vermitteln. Als Acerbi der Einladung Arnheims folgt, begegnet er, ohne dies zu wissen, seinem leiblichen Vater, der unter dem Namen eines Marquis Fabiani als Teil der ‘guten’ Gesellschaft anerkannt wird, bis er sein letztes Geld, ebenfalls ohne dies zu erkennen, an seinen Sohn verliert und wie dieser im Suizid endet. Acerbi hält sich für seinen Mörder, was als Zeichen für seinen ‘Wahnsinn’ genommen wird, der sich in dem Moment einstellt, in dem er erkennen müßte, als Impostor in eine Gesellschaft von Impostoren geraten zu sein.

Der Bürgerstand ist ein Bauernkirchhof, wo des Todtengräbers Spaten den modernden Schädel des Großvaters zersticht, um dem Enkel ein Grab zu graben. Der Adel ist die Geschichte der Welt. Aber das traditionelle Bewußtseyn muß die Brust schwellen zu goßem Sinn, zu Thaten, und das ist das Zeichen des rechten Adligen, daß er fühlt, er sey es.

Acerbi drückt seine Ansprüche ‘poetisch’ und als Selbstwertgefühl aus und stößt genau deshalb auf Widerstand:

Was haben die Poeten mit uns zu thun? [...] Was habe ich denn nöthig, vorwärts zu schauen und zurück, und an einen Bauernkirchhof zu denken, um zu wissen, daß ich ein Edelmann bin? Dafür sind der Stammbaum, die Ehekontrakte; wer das nöthig hat aufzuweisen, zeigt auf sein Adelsdiplom, die Anderen auf die Turnierbücher. Es ist ja genug, daß wir wissen, wir sind da. Kann man mir das abstreiten?

Beide täuschen sich: Der Adel kann poetisch nicht restituiert werden, aber er kann sich auch nicht selbst retten, indem er auf seine Existenz hinweist.

Nur Arnheims Tochter Eveline (endgültig der letzte Sproß) zeigt Einsicht: “Die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit ist so schwach bezeichnet”. Sie heiratet standesgemäß und zieht zwecks Familiengründung dahin, wo wenigstens die Eigentumsrechte an Grund und Boden unbestritten sind. Vorderhand ohne Illusionen geht sie in Richtung Verbürgerlichung.

  1. Suchte man aber nach einem Namensgeber für die Titelfigur, dann böte sich vor allem Giuseppe Acerbi an, 1773-1846, den die OeBL als Orient- und Eurpaforscher führt und der u. a. ein Buch über seine Forschungsreise durch Schweden, Finnland und Lappland veröffentlicht hat (London: 1802), das Alexis’ Aufmerksamkeit im Hinblick auf seine eigenen Reisebücher geweckt haben könnte. []
  2. Man kann darin eine Abwandlung des Kaspar-Hauser-Typus (1828) sehen: Ein Kind, das seiner familiären Umwelt und Geschichte entzogen wurde, soll für das bürgerliche Leben tauglich gemacht werden. Ein vergleichbares Experiment schildert Alexis in Haus Düsterweg (1835); über Kaspar Hauser vgl. Alexis in Der Freimüthige , 1835. []

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