Alexis: Venus in Rom (1828)

Rom, ca. 1515-1520

Hubert von Stein, Theodor Savelli, Landsknechtsoffiziere
Viola Gritti, Faustina, Mathilde von Stein, deren Frauen
Papst Leo X., Kardinäle, Kleriker, Mitglieder der vornehmen römischen Gesellschaft
Peter Eckard
Landsknechte und Söldner
ein Improvisator
römisches Volk, Pöbel

Georg III von Waldburg (“Bauernjörg”), des H.R.R. Erbtruchseß (1519-31), Feldhauptmann des schwäbische Bundes, *25.1.1488, +29.5.1531 (WP)

und

Giorgiones “Schlummernde Venus”:

Quelle: WP, Klick zur Vergrößerung

Willibald Alexis: Venus in Rom. Novelle. In: Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1828. München, Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1828. Hier zit. nach W. A.s Gesammelte Novellen. Bd. III. Berlin: Duncker & Humblot 1831. (Diese Version kann man nachlesen (PDF).)

Etwa zwei Jahre nach “jenen siegreichen Tagen von Novara” (1513), in denen er in den “Reihen der Schweizer gegen Frankreich für Italien’s Freiheit” gefochten hatte, möchte Ritter Hubert von Stein seinen Söldnerkameraden und Blutsbruder Theodor Savelli in Rom aufsuchen. Aber er will nicht nur den Freund wiedersehen, sondern auch die Stadt kennenlernen, in der wie in keiner anderen das Alte mit dem Neuen zusammenstößt. Hubert von Stein ist enttäuscht von den deutschen Verhältnissen, die für ihn durch Unbeweglichkeit und Dunkelheit charakterisiert sind, während in Italien, und zumal in Rom, Kunst, Wissenschaft und Politik so in Bewegung geraten sind, daß er sich neue Freiheiten des Denkens und Handelns verspricht.

Anders als sein Freund Savelli, hatte Stein 1513 den Dienst quittiert und war in seine süddeutsche Heimat zurückgekehrt. Er hat Gräfin Mathilde Truchseß von Waldburg geheiratet (also über seinen Stand hinaus), scheint nun aber trotzdem eine Bildungsreise nachzuholen.

Während sich in Deutschland noch weithin unbemerkt die Reformation vorbereitet, trifft Stein in Rom tatsächlich auf Bewegungen, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfaßt haben — und sich für ihn vor allem in der Kunst und im Geschlechterverhalten sichtbar machen. Im Haus des Freundes trifft er nur auf dessen Frau, die abfällig über ihren Mann spricht. Er hat sich an die antiken Idole gebunden, während sie Boccaccio liest und dem deutschen Ritter Giorgiones “Schlummernde Venus” vorweist, die das “Leben” repräsentiert, das “jugendlich in vollen Zügen” gekostet werden soll. Doch ehe dies geschieht, macht sich Stein (protodetektivisch) auf die Suche nach dem Freund, der ihm endlich die Geschichte seines ‘Wahnsinns’ und seiner Entfremdung von der Ehefrau verständlich zu machen sucht. Doch da haben Gritti und Stein den Betrug schon vollzogen — sie hat ihn von einem Fest fortgerissen und ist ihm als “Venus [...] lebendig geworden”, während Savelli sexuell versagt und seine Frau damit beleidigt hatte. Und noch am folgenden Tag verlieben sich Stein und Faustina: Während des Gesprächs mit Savelli beobachtet Stein die junge Römerin, die gerade dem Kardinal, mit dem sie verkuppelt werden soll, einen “Korb” gibt. Stein gründet mit ihr unter Gewissenszwängen seine zweite Familie — diesmal unter seinem Stand.

Die Handlung setzt zwei Jahre später wieder ein, und zwar mit einem Improvisator, der dem auf der Piazza del Popolo versammelten internationalen Publikum aus dem Volk die deutsche Tannhäuser-Legende nahezubringen sucht. Er erreicht damit auch Stein, der jedoch mit seiner Bindung an Faustina schon den ersten Schritt zur Lösung aus der römischen Gesellschaft mit ihren nutzlosen Diskussionen und widerstreitenden Interessen getan hatte. Doch jetzt steht auch die Befreiung von Faustina an, die ihn mit der Macht der Eifersucht in der kleinen Familie festhalten will.1 Faustina muß sich opfern, damit auch die psychologischen Geheimnisse ihrer Liebe gewahrt bleiben. Erst dann kann Mathilde ihren Gatten gesundpflegen und dann nach Deutschland zurückführen, wo, wie Stein inzwischen weiß, mit dem Thesenanschlag Luthers die Reformation zu wirken beginnt. Jetzt beginnt für ihn in der Heimat eine Zeit “der goldenen Freiheit des Geistes und des Glaubens”, in der “der Geist reif wird, um das Gängelband abzuwerfen und den Aberglauben zu belächeln”.

Damit unterliegt er einer weiteren Illusion. Doch diese Pointe kann nur von den Lesern gewürdigt werden, die wissen, daß sich Graf Georg III. von Waldburg seinen Beinamen auf blutigste Weise verdient hat, als er für den Schwäbischen Bund den Bauernaufstand von 1525 niedergeschlagen hat. Diese Verschwägerung hat Alexis seinem Helden nicht ohne Grund angedichtet. Vielmehr bezeichnet er damit schon früh den Kern seines historischen Erzählens, mit dem die Illusionierung des Lesers, nicht der Helden aufgehoben werden soll. (Oder so …)

  1. “Ich möchte Dir die Adern öffnen, dein träges Blut auströpfeln und Dir mein Herzblut hineinströmen lassen”, vgl. Müllner. []

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