Polizeidirektor Duncker & Bürgermeister Tschech

(Mit Dank an Dr. Heinz Warnecke!)

Liederlexikon

Eckensteher Nante (drehorgelnd in der Ferne)

War wohl je ein Mensch so frech,
Als der Bürgermeister Tschech?
Denn er traf auf ein Haar
Unser theures Königspaar.
Ja, er traf die Landesmutter
Durch den Rock ins Unterfutter.
Kaum die Uhr war noch halb achte,
Als noch Niemand Böses dachte.
Ist ein Mann im grauen Mantel
Durch das Schloßportal gewandelt.
Dieß war Tschech der Hochverräther,
Königsmörder Attentäter!
Ach, es hat der Bösewicht
Unsern Gott im Herzen nicht;
Pocken hat er im Gesicht,
Sonsten sah man Böses nicht.
Friedrich Wilhelm kam heraus,
Sah noch ganz verschlafen aus.
Tschech zieht ein Pistol hervor,
Trifft den König fast ans Ohr.
Doch es packt ihn ein Gensdarme
An dem frevelhaften Arme
Und man keilt den Wütherich
Auf der Stelle fürchterlich.
Als der König ihn erblicket
Von Gensdarmen rings umstricket,
Zeigt er plötzlich viel Courage
Und spricht schnell zur Equipage:
Auf dem Schloßplatz halt’ man still,
Weil das Volk mich sehen will!
Drauf dreht er sich um und spricht:
Kinder, ich hab’ Nischt gekriegt!
Dick und fett, ihm fehlte wenig,
Alles brüllt: es leb’ der König!
Aber wo war Dunker hin?
Dunker, der war in Stettin.
Dunker hätte sonst errathen,
Daß man wollte attentaten,
Wär er in Berlin gewesen,
Würd’ man dieses jetzt nicht lesen.
Hier die Moral zu dem Gedicht:
Traut keinem Bürgermeister nicht!

Quelle: [Johannes Scherr:] Das enthüllte Preußen. Vom Verfasser der Schrift ‘Würtemberg im Jahre 1844′. Winterthur: Steiner 1845, S. 211-213 (Google). Zu Johannes Scherr vgl. ADB/NDB sowie die einschlägigen Lexika und Literaturgeschichten, zum Attentäter Heinrich Ludwig Tschech den Eintrag in der WP . Den Hinweis auf die Veröffentlichung in Scherrs Buch verdanke ich Lukas Richter: Der Berliner Gassenhauer. Darstellung, Dokumente, Sammlung. Münster, München [u.a.]: Waxmann 2004 (erste Auflage Leipzig 1969), S. 63.

Erläuterungen, weitere Editionen und Varianten findet man auf der Website “Historisch-kritisches Liederlexikon”: Leute tretet rings heran. Besonders ausührlich: H. C. Grünefeld: Die Revolution marschiert. Kampflieder der Unterdrückten und der Verfolgten. Mannheim: Welz Vermittler Verlag 2006, Bd. 2: 1806-1930, S. 120 ff. (Google, daraus die Eingangsillustration ).

Zu Tschech s. auch Leben und Tod des Bürgermeisters Tschech, welcher am 26. Juli 1844 auf den König von Preussen schoss und den 14. Dezember 1844 in Spandau hingerichtet wurde. Hg. von Elisabeth Tschech [der Tochter]. Bern: Jenni 1849 (Google , daraus das Porträt am Ende).

Und zum Schluß noch Fontane (Frau Jenny Treibel , 3. Kapitel):

»Ich habe, Herr Lieutenant, von Ihren beabsichtigten Reisen in unsere liebe Mark Brandenburg gehört; Sie wollen bis an die Gestade der Wendischen Spree vordringen, ja, noch darüber hinaus. Eine höchst interessante Gegend, wie mir Treibel sagt, mit allerlei Wendengöttern, die sich, bis diesen Tag, in dem finsteren Geiste der Bevölkerung aussprechen sollen.«

»Nicht daß ich wüßte, meine Gnädigste.«

»So zum Beispiel in dem Städtchen Storkow, dessen Burgemeister, wenn ich recht unterrichtet bin, der Burgemeister Tschech war, jener politische Rechtsfanatiker, der auf König Friedrich Wilhelm IV. schoß, ohne Rücksicht auf die nebenstehende Königin. Es ist eine lange Zeit, aber ich entsinne mich der Einzelheiten, als ob es gestern gewesen wäre, und entsinne mich auch noch des eigentümlichen Liedes, das da mals auf diesen Vorfall gedichtet wurde.«

»Ja«, sagte Vogelsang, »ein erbärmlicher Gassenhauer, darin ganz der frivole Geist spukte, der die Lyrik jener Tage beherrschte. Was sich anders in dieser Lyrik gibt, ganz besonders auch in dem in Rede stehenden Gedicht, ist nur Schein, Lug und Trug. ›Er erschoß uns auf ein Haar unser teures Königspaar.‹ Da haben Sie die ganze Perfidie. Das sollte loyal klingen und unter Umständen vielleicht auch den Rückzug decken, ist aber schnöder und schändlicher als alles, was jene verlogene [292] Zeit sonst noch hervorgebracht hat, den großen Hauptsünder auf diesem Gebiete nicht ausgenommen. Ich meine natürlich Herwegh, George Herwegh.«

Bürgermeister Tschech

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3 Kommentare

  1. Fabian Tietke
    Erstellt am 10.03.2010 um 12:13 | Permanent-Link

    Es gibt übrigens von Dieter Süverkrüp auf seinem Vormärz-Album eine Vertonung des ersten Gedichtes. (Endlich etwas, was mich aus der Rolle des passiven Konsumenten dieses wirklich großartigen Blog herausbringt…)

  2. Dr. Heinz Warnecke
    Erstellt am 13.03.2010 um 17:52 | Permanent-Link

    Zu ergänzen wäre zu Tschech und Duncker die vergeblichen Verhöre Dunckers nach der am 27. Juni 1847 erfolgreichen Flucht der Tochter Elisabeth:”vierzehn Tage später traf der vielbekannte preußische Polizist Herr Dun(c)ker von Berlin in Kamen ein und suchte in dortiger Gegend die Fäden “des großen Kompltts”, das mir bei meiner Flucht behülflich gewesen, aufzufinden. (a.a.O., S.188).
    Auch bei meiner Freundin (Marie) fand er sich ein und forderte siwe auf ihm “etwas von der entflohenen Tschech zu erzählen, deren intime Freundin sie, wie er gehört, ja sei”. Er begann darauf hin und her zu fragenunter anderem auch, wohin ich mich wohl gewendet und ob ich von meinem Vorhabenvorher nichts geäußert habe. Doch auch diesem Inquirenten gab meine Freundin eeine gleiche Antwort, wie vorher dem Pfarrer (Ovenbeck:”sie habe den ganzen Nachmittag mich nicht gesehen” a.a.O. S. 188). Hierauf nun, nachdem Herr Dun(c)ker einsah, daß seine Mühen erfolglos blieben, begann er in einen Schwall von Schmähungen gegen mich auszubrechen.
    …- So reiste Herr Dun(c)ker, ohne hier oder an anderen Orten seinen Zweck erreicht zu haben, unverrichteter Sache wieder nach Berlin zurück, Nun war er doch wieder einmal in seinem Heimatlande, Westphalen gewesen. (a.a.O. S. 189)”.
    Auf Herwegh Sympathie für politische Volkslieder wie das Tschechlied oder Heines Weberlied und seine polizeiliche Verfolgung in Berlin ist noch einzugehen. Ich grüße mit “Noch sind nicht alle Märze vorbei!” – Herwegh 1873.

  3. JL
    Erstellt am 14.03.2010 um 07:21 | Permanent-Link

    Danke! Den Link zur Google-Digitalisierung des Buches von Elisabeth Tschech habe ich eben korrigiert.

    In den Iden des März nötigt das Wetter zu vormärzlichen Grüßen.

    In diesem Sinne: Joachim Linder

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