But down these mean streets a man must go who is not himself mean, who is neither tarnished nor afraid. The detective in this kind of story must be such a man. He is the hero, he is everything. He must be a complete man and a common man and yet an unusual man. He must be, to use a rather weathered phrase, a man of honor, by instinct, by inevitability, without thought of it, and certainly without saying it (Raymond Chandler 1950).
Poe introduces the city as a place of darkness, a darkness that simultaneously liberates and conceals. And, the city is not just any city but rather, Paris [...] The cities expand with people, trade, and crime, the latter making police retormation absolutely necessary. In Poe, Paris is a dimly lit city but not one in which Dupin and bis narrator friend fear to walk at night. (Lewis D. Moore1).
Weder Poe noch Chandler oder Moore sollen hier diskutiert werden. Es ist nur so, daß ich die letzten Tage mit Willibald Alexis’ Roman Der Roland von Berlin (3 Bde., 1840) verbracht und mich darüber gewundert habe, daß auch da narrative und diskursive Module schon zirkulieren, aus denen später der Hard-Boiled Detective zusammengesetzt werden konnte. Aber so ganz unerwartet ist das dann doch nicht — schließlich gehörten die späten Erzählungen E. T. A. Hoffmanns genau so zu den Texten, mit denen sich Alexis intensiv auseinandergesetzt hat, wie die Romane von Walter Scott und die Dichtungen von Lord Byron.
Nach Cabanis (1832) ist Der Roland von Berlin Alexis’ zweiter Roman zur brandenburg-preußischen Geschichte. Sein Thema ist die Entmachtung der Städte und der sie regierenden Patrizier durch den Markgrafen und Kurfürsten Friedrich II. von Brandenburg, der als “Eisenzahn” in die Geschichte und in den Roman eingegangen ist. Auch wenn die Sympathien im Text verteilt sind, bekommt doch der Landesherr einen großen Teil ab und der patrizische Machtverlust erscheint als Selbstdestruktion.
In den ersten beiden Bänden konzentriert sich die Romanhandlung auf wenige Tage im Februar 1442. Mit einer Vielzahl von Personen liefert der Text einen Querschnitt durch die Berlin-Cöllner Stadgesellschaften, deren Zerfall sich darin zu erkennen gibt, daß ausschließlich über Partikularinteressen gestritten wird. Zur gleichen Zeit sammelt der Kurfürst die Kräfte, mit denen er die Städte um ihre Autonomie bringen wird. Die Unterwerfung ist nur eine Frage der Zeit, und deren Darstellung bildet den Antiklimax am Ende des zweiten Bandes.
Die Erzählung folgt einer panoptischen Konzeption, mit der alle Schichten und Milieus in ihrer durchgreifenden Zerstrittenheit erfaßt werden. Dabei entstehen eine Reihe von Unterplots, die zum Teil über mehrere Kapitel novellistisch ausgearbeitet sind. Auf diese Weise werden exemplarische Figuren sowie deren Handlungsoptionen und Reflexionsmöglichkeiten sichtbar gemacht. Neben dem Kurfürsten sind beispielsweise der (historische) Bürgermeister Johannes Rathenow zu nennen und der (fiktive2) Henning Mollner, der als Pflegekind Rathenows aufgewachsen ist und im Februar 1442 als Webergeselle einer der nach der Macht drängenden Zünfte angehört. Mollner gilt als ‘wilder’ Junge, der durch zahlreiche Streiche und Übertretungen Aufmerksamkeit erregt und Strafen auf sich zieht, dabei aber immer als ehrlich und als eine der wenigen gemeinschaftsorientierten Figuren charakterisiert wird. Die beiden Städte Berlin und Cölln schulden ihm eine vom Vater nachgelassene Entschädigung, deren Nichtbegleichung ständig auf die Verantwortungslosigkeit und Eigensucht des städtischen Regiments verweist. Mollner wird von Rathenow abgewiesen, als er um dessen Tochter Elsbeth wirbt; und als ihn diese Kränkung dazu bringt, dem Kurfürsten das Tor zu öffnen, wird er aus der Stadt verwiesen (was seine endgültige Annäherung an den Fürsten bewirken wird).
Abseitige soziale Verortung, die mit moralischer Festigkeit und Reflexionsfähigkeit verbunden ist: Dies macht Mollner von vornherein zu einer Figur, in der sich die allgemeine Korruption einerseits, die Handlungsunfähigkeit der ‘ehrlichen’ Repräsentanten der überkommenen Ordnung andererseits spiegeln. Und so ist es nur folgerichtig, daß Alexis’ Text ihn auch als Ermittler präsentiert, der eine Aufgabe übernimmt, die von den zuständigen Institutionen — vom Rat und seinen Bütteln — vernachlässigt wird: Eines Nachts wird ein Krämer von zwei Strauchdieben (genauer: Strauchrittern) überfallen, verletzt und um Pferd, Karren und Waren gebracht, wobei sich der Aufwand des Überfalls für die Täter kaum auszahlte. Am Morgen kommt das Opfer in die Stadt und will seine Klage dem Rat vortragen. Doch der ist mit sich selbst beschäftigt und in sich zerstritten. Der Krämer geht an die Öffentlichkeit, die im Roman immer körperlich gegenwärtig ist (das Berliner Leben findet auf den Straßen und in den Baderstuben statt). Und Henning Mollner nimmt sich seiner Sache an. Er sammelt eine Mannschaft aus mehr oder minder gut ausgerüsteten jungen Männern um sich — eine Posse, die sich — 1840 eh — auf das englische Common Law zurückführen läßt. Als deren Anführer nimmt er die Fahndung nach den Verbrechern auf. (Das ist jetzt nicht abwegig, denn als Posse Comitatus und im Hinblick auf das Common Law wird der Begriff sowohl in Scotts Redgauntlet (1824, Gutenberg-Link, Google-Link) als auch in Byrons Don Juan (1818-1824) gebraucht.)
Mollner läßt den zukünftigen Soldaten erkennen, indem er seine Mannschaften klug einteilt, aber er erweist sich auch als intensiver Vernehmer und aufmerksamer Spurenleser und Indiziensammler. Aber trotzdem muß er den Erfolg teilen: Er trifft im Wald auf den inkognito jagenden Kurfürsten und dessen Kanzler und glaubt schon, die Strauchritter gefaßt zu haben, als sich die Herren auf eine Befragung einlassen, ehe sie sich zu erkennen geben und ihre Jadpartie mit Mollners Posse verbinden, um wenigstens einen der beiden Täter festnehmen zu können, während sich der andere klammheimlich dem Gefolge des Kurfürsten anschließen kann.
Das soll jetzt nicht übertrieben werden (s. o.): Der moralische Aufklärungs-Held muß sich schon bei Alexis der Macht beugen. Seine erzählerische Funktion ist damit festgelegt — lediglich dem Leser soll sich die durchgreifende Korruption der Macht offenbaren, an der der Held scheitern muß. Er kann weder das Recht in seine Hand nehmen, noch das Schicksal der Selbstzerstörung von der Stadt abwenden. Nicht umsonst muß er seine Ermittlungen im Wald vornehmen, dem klassischen Projektionsraum der Verbrechensdarstellungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das eigentliche Spiel wird jedoch auf der städtischen Bühne gegeben. Aber indem Mollner Produkt, Mitspieler und Opfer dieses städtischen Spieles ist, erweist er sich als zukunftsträchtig.
- Cracking the Hard-Boiled Detective. A Critical History from the 1920s to the Present. Jefferson, N.C.: McFarland & Co. 2006, p. 9. Vgl. dazu Walter Delabar in IASL online. [↩]
- Vgl. aber Fidicin 3, S. 316 f. [↩]
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