A Question of Belief: Donna Leon

Donna Leons neunzehnter Brunetti-Roman (London: Heinemann 2010) ist mit unübertrefflicher Pünktlichkeit in den ersten Apriltagen angekommen — als österliche Sofortlektüre, als hätte man sonst nix zu tun. Die Widmung gilt Joyce DiDonato (Hörprobe), das Motto stammt aus dem Don-Giovanni-Libretto und wird Mozart zugeschrieben: “L’empio crede con tal frode / Di nasconder l’empietà” — “Der Schurke glaubt, / so könne er sein Verbrechen verbergen”.

Der Titel wurde schon von (oder für) einen Kriminalroman von Margaret Yorke (1996) verwendet — und für beide Texte gibt’s je eine Rezension von der fleißigen Harriet Klausner (zu Yorke bei Amazon, zu Leon auf der HK-Site): “Yet readers know that Diogenes only need to meet [Brunetti] to find an honest person trying to adhere to his values in a system that prefers the lowest ethical denominator”.

Während man anderswo schon die Masturbantinnen sterben läßt, ist es bei Leon immerhin noch die Leiche eines Homosexuellen, wegen der sich Brunetti zu  einer weiteren venezianischen Höllenfahrt aufmachen muß. Doch selbst die Augusthitze, der er eigentlich in Südtirol bei Speck und Marillenschnaps hatte entkommen wollen, entlockt ihm nur Schweißausbrüche, die er mit dem klagenden oder kläglichen Dauerzirpsen begleitet, das als Hintergrundgeräusch für die Romanhandlung dient.

Die Wüstlingspopulation bleibt im kleinen Format: Ein Registraturbeamter der venezianischen Justizverwaltung, der noch im fortgeschrittenen Sohnesalter mit seiner Mutter zusammenlebt und es gewohnt ist, seine homosexuellen Bedürfnisse mit Zufallsbekanntschaften zu befriedigen. Er gilt allenthalben (und zu Recht!) als ‘good man’ und kommt wie durch ein Wunder zu einer Wohnung, in der seine Mutter förmlich aufblüht. Araldo Fontana wird dafür zu kleinen Handreichungen bei der Verschleppung von Prozessen herangezogen. Doch daran wäre er nicht gestorben, hätte er nicht durch die neue Wohnung Kontakt zu einem Bankdirektor gefunden und dessen Ehe gestört. Ob freilich dieser oder dessen Gattin den Schädel des Offizianten an einem Marmorlöwen eindrückte, das bleibt am Ende offen, da die beiden sich gegenseitig gleichermaßen plausibel beschuldigen.

Lauter närrische Liebhaber und Liebhaberinnen bevölkern den Roman: ich erspare mir die Aufzählung und gedenke nur kurz der Laborantin, die sich als ‘spätes Mädchen’ von einem Wunderheiler dazu verführen läßt, Untersuchungsergebnisse gewinnbringend zu verfälschen — schließlich gibt es immer noch Leute, die an die Prognosefunktion von Cholesterinwerten glauben.

Alles ist eben eine Frage des Glaubens. Auch da, wo einmal mehr die allgemeine Korruption in der italienischen Welt des Textes beklagt und synekdochisch nachgewiesen wird, wird vom Leser erhebliche Mühe beim Unterdrücken von Nichtglauben verlangt. Der Justizbeamte soll Prozeßverschleppungen herbeiführen, indem er in seiner Registratur die Unordnung einreißen läßt, die ihm von Herzen zuwider ist und in der er privatim schon bis zum Halse steckt. Um ihn zum Dienstvergehen zu bewegen, wird ihm eine Wohnung vermittelt, für die er nur ein Fünftel der marktüblichen Miete bezahlen muß. Zählt man die beiden anderen Korruptionsfälle dazu, dann hätte der Drahtzieher für kleine Dienstleistungen am Rande der Legalität rd. 50.000 Euro einzusetzen — und dies nicht nur einmalig, sondern für die Dauer der Mietverhältnisse in seinem Palazzo. Man wird dieses Italien als glücklich bezeichnen müssen, in dem Korruption und Ineffizienz so verbandelt sind, daß Geld und Wohnungen unter die Leute gebracht werden, wo ein Augenzwinkern und vielleicht ein solennes Abendessen die gleiche Wirkung hätten.

In der milden Sphäre von Glauben und Nichtwissen löst sich auch Brunettis einstige Homophobie auf und seine Gattin revoziert ihren Salonkommunismus als Jugendsünde. Vom militanten Antipapismus ist keine Rede mehr — die Einrichtung im Bestehenden verzichtet auf die Begleitung durch Kritik und wird ununterscheidbar.

Das ist der Fingerzeig des Titels: The willing suspension of disbelief ist kein Spezifikum der Rezeption fiktionaler Belletristik, sondern die Bedingung der Möglichkeit, sich in einer Umwelt vermittelter Realität zu orentieren. Der Originalitätsverzicht ist Programm und die Langeweile, die Brunettis Höllenfahrt beim Lesen hervorruft, dessen Ergebnis. Wo “Mimesis von Praxis” (Jochen Vogt) am Werke ist, wäre Spannung dysfunktional.

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