(1) Knapp vor seinem neunten Geburtstag im Jahr 1741 reagierte Etienne falsch auf die ersten Siegesmeldungen aus dem Schlesischen Krieg, den Friedrich II. gerade begonnen hatte. Der kleine Berliner wurde vom Vater ins Gebet genommen:
“Um was hat Er geweint? Heraus mit der Sprache.”
“Um die Maria Theresia,” stotterte ich, denn des Vaters Blick hatte etwas, das die Wahrheit hinterm Berg hervorlockte. [...]
“Was geht Ihn die Maria Theresia an? Was weint er darum?”
“Daß sie so schlecht mit ihr umgehn, und ihr Alles nehmen wollen.”
“Wer will ihr Alles nehmen?”
“Ihre Feinde,” sagte ich behutsam.
“Wer sind ihre Feinde –” fuhr er heraus. [...] Hält Er’s mit der Maria Theresia, der Feindin seines allergnädigsten Königs? donnerte es heraus.
“Die arme Maria Theresia dauert mich!”
Ein Backenstreich war die symbolische Antwort. [...]
“Dauert Ihn noch die Maria Theresia?”
Ich war tückisch und sagte “Ja.”
Nun regnete es von rechts und links. “Das ist für die Maria und das für die Theresia!”
Die “vaterländischen Ohrfeigen konnten eben so wenig meine schlummernde Neigung für Friedrich erwecken, als sie die längst entwichene für den Vater zurückriefen”. Doch Etienne erinnert sich noch aus großer zeitlicher Distanz an die Schläge, die er vom Vater erhielt: Man schreibt inzwischen das Jahr 1760, die preußischen Truppen haben bei Kunersdorf ihre verheerende Niederlage eingesteckt. In Berlin, wohin Etienne nach langer Abwesenheit zurückkehrt, stehen und plündern russische und österreichische Truppen. Die ‘gesegneten Tage von Hubertusburg’ (Fontane im Alexis-Essay) erscheinen noch nicht im Vorstellungshorizont der Romanfiguren. Friedrich II., der im ersten Kapitel mit einem jungen Adler im Flug symbolisiert wurde, scheint hart und endgültig gelandet. Doch Etienne hat vor einiger Zeit die Fahnen gewechselt, seine Loyalität gilt nicht mehr der österreichischen Kaiserin, sondern dem ‘Vaterland’ Preußen und seinem König. Und der wird am Ende des Romans den ‘ewigen Leutnant’ zum Kammerherrn ernennen und in sein ziviles Leben entlassen.
Willibald Alexis: Cabanis. Vaterländischer Roman in sechs Büchern. Berlin: Fincke 1832.1
Die Bücher zwei bis sechs schildern die ‘Rückkehr’ Etiennes. In ihnen gibt ein auktorialer Erzähler die Fäden der Darstellung und der Kommentierung nicht aus den Händen. Allein das erste Buch präsentiert sich als Ich-Erzählung Etiennes und handelt von der Berliner Familie Bohm und davon, wie der Vater zwei Söhne in kürzester Zeit aus dem Haus treibt. Denn die “Erinnerungen aus meinen Kinderjahren reichen weit zurück” — das begründet Etienne im ersten Absatz des Buches damit, daß er keine glückliche Kindheit gehabt habe. Die Flucht aus der “Knabenwelt” wird mit dem Pathos des Erwachsenen kommentiert, der seine Kindheitsverletzungen überwunden hat:
Drei Laubthaler hatte ich in der Tasche, ein Stück Brod, an dem mein Blut klebte, und die Schande hinter mir, das glaubte ich, sei ein genügendes Viaticum, um allerwärts hinzukommen, wo es besser war, als in Berlin.
Das Recht, die Kinder und Heranwachsenden (und womöglich auch die Ehefrauen und das Dienstpersonal) körperlich zu züchtigen, ist kein Strafrecht, selbst wenn es staatlich geregelt ist (Friedrich II. z. B. wollte die Züchtigung adlig-ritterlicher Schüler abgeschafft wissen). Mithin gibt es für die Züchtlinge auch kein Gericht, das über ihre Verfehlungen zu entscheiden hätte. Derjenige, dem das Züchtigungsrecht zusteht, kann es willkürlich in Anspruch nehmen. Die Kinder haben in Etiennes Ich-Erzählung für diese geregelte Willkür ein feines Gespür. Sie wissen, daß sie in Gewaltverhältnissen erzogen werden, in denen die Züchtigung vom Recht als Normalität anerkannt wird. Als Etienne beim Spiel auf der Straße von einem Bekannten des Vaters mit Kopfnüssen traktiert wird, fragen die Kameraden, ob der Advokat ein “Recht” habe, ihm “auf den Kopf zu klopfen”: “Er hatte ja kein Recht. Er war nicht mein Vater, nicht meine Mutter, nicht mein Lehrer, nicht Wachtmeister bei der Polizei”. Diejenigen, die im Recht sind, sind keine Sadisten, sondern Erzieher, die für sich beanspruchen, aus Liebe zu schlagen, und die sich selbst dabei bedauern. ‘Symbolisch’ ist der erste Backenstreich des Vaters auch deshalb, weil er das nachholt, was in der Schule versäumt wurde. Und wenn er schlägt, weiß er sich einig mit dem Herrscher, dem ‘Landesvater’. Indem er dessen Verhalten abbildet, repräsentiert er dessen Position. Auch das erkennt Etienne, wenngleich erst im Rückblick:
Er dünkte sich als Mann zu handeln, indem er gegen sein eigenes Gefühl handelte. Glaubte doch der herbe Friedrich Wilhelm, er müsse als königlicher Richter seinen eigenen großen Sohn hinrichten lasssen, und er glaubte, es sei noch gegen sein Gewissen, als er ihn begnadigte (ebd., Drittes Buch: “Der Marquis”).
(2) Sucht man nach dem Wissen über die Erziehungsverhältnisse in der Mitte des 18. Jahrhunderts, das Alexis und seinen Lesern im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zugänglich war, dann stößt man schnell auf Darstellungen der Verhältnisse am Hof Friedrich Wilhelms I. Die Gewalt, die der Vater dem Kronprinzen Friedrich angedeihen ließ, ist Teil der Historiographie wie der populären Legenden.2 Danach entwickelte sich im Widerstand gegen den Vater das Selbstbewußtsein und der unbeugsame Durchhaltewillen, die Alexis und seine Zeitgenossen an Friedrich so besonders bewunderten und als entscheidendes Antriebsmoment für die preußische Machtentfaltung identifizierten.3 Doch das, was für den späteren großen König galt, kann nicht unbesehen auf die Untertanen übertragen werden. Alexis’ Cabanis nimmt die Vorbildfunktion ins Visier, die Friedrich Wilhelm für seinen Erziehungsstil beanspruchte.
1822 konnte man in Brockhaus’ “Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände” über Friedrich II. lesen:
Nur hinter dem Rücken seines Vaters konnte er sich mit Literatur und Kunst beschäftigen; allmählich stieg aber die Spannung zwischen dem Vater und Sohne, genährt von dem österreichischen Gesandten Seckendorf, zu einem solchen Grade, daß der Vater in den Kronprinzen drang, der Thronfolge zu entsagen, u., sie seinem Bruder August Wilhelm abzutreten. Nur durch die auf des Vaters Denkungsart richtig berechnete Antwort: er werde es thun, wenn sein Vater erkläre, daß er kein ehelicher leiblicher Sohn desselben sei, wurde dieser, der eheliche Treue als Religionspflicht ehrte; von der Erneuerung des Antrages abgehalten.
Weitere Belege für diesen Vorfall habe ich noch nicht gefunden; daß die Schilderung mindestens als anstößig empfunden wurde, kann man indirekt der Darstellung in der Weltgeschichte von Becker et al. entnehmen, in der es 1837 heißt: “Friedrich erklärte dagegen, er wolle sich eher den Kopf abschlagen lassen, als in dieß Begehren willigen”. Dem Brockhaus-Artikel zufolge verlangte der Sohn vom Vater, sich als Hahnrei zu bekennen, denn nicht seine eheliche Treue, sondern die der Mutter stellte er in Frage. Wie man weiß (und wußte), zeigte Friedrich nie ein Interesse an der Inszenierung eines auch nur in Ansätzen ‘bürgerlichen’ Familienlebens. Genau das machte ihn, folgt man dem Artikel, schon als Kronprinz dem Vater überlegen, der seine Familie gleichermaßen in Bescheidenheit wie in Angst und Schrecken hielt. Damit wollte das landesväterliche Vorbild für die preußischen Familien geben, deren Wohlergehen sich nicht auf den Reichtum des Landes, sondern auf Zucht und Ordnung seiner Bewohner gründen ließ.
In Alexis’ Roman übernimmt der Ich-Erzähler der “Knabenwelt” die Sichtweise des Brockhaus-Artikels, ohne ihn explizit zu zitieren. Demnach konnte Friedrich Wilhelm die Konflikte nicht lösen, die sich zwischen dynastischer Interessenverfolgung und dem Selbstverständnis religiös begründeter bürgerlicher Wohlanständigkeit auftaten, deren Inszenierung ihm am Herzen lag. Das macht der Ich-Erzähler in einer Familiengeschichte deutlich, die vom direkten Eingriff des Landesherrn in die Zusammensetzung der Familie handelt: Einer seiner Hofbankiers hatte zwei großgewachsene Töchter, die Friedrich Wilhelm mit ‘Flügelleuten’ seiner Riesengarde verheiraten wollte, um durch Zuchtwahl deren Fortbestand zu gewährleisten. (Die Riesenregimenter erfüllten Darstellungszwecke, das wäre aus der Sicht des Romans auch für das königliche Familienleben zu folgern.) Doch weil der Bankier seine Zuträger am Hof hatte, erfuhr er von diesem Plan, noch ehe der König ihn ins Werk setzen konnte. Kurzerhand verheiratete er seine Töchter mit zwei zufällig noch arbeitenden Angestellten. Der König scheiterte nicht nur mit den eigenen Plänen, er machte auch die des bürgerlichen Vaters zunichte.
(3) Für seine Auseinandersetzung mit ‘vorromantischen’ Familienkonzeptionen suchte sich Alexis in Cabanis die ‘richtige’ Epoche aus (über das nächste Familien-Experiment, das Alexis in Das Haus Düsterweg , 1835, durchführt bzw. durchführen läßt, wird an anderer Stelle zu berichten sein). In der Konstruktion von Vor- und Abbildfamilien ist das Scheitern inbegriffen — und als auffälligstes Zeichen für das Scheitern wird die körperliche Gewalt gegen die Kinder wahrhaft dingfest gemacht. Die Fassade von Vater, Mutter, Kind kann die Konflikte nur auf Zeit (ver-)bergen, die das Familienkonstrukt notwendig, aber auch fragil machen. Das Abbild der Königsfamilie, das der Fabrikinspektor Bohm aufrechterhalten will und muß, ist so kompliziert, daß es zur Groteske geraten muß. Nicht umsonst erscheint der Advokat Schlipalius gleichermaßen als Ratgeber des Vaters und als Angeber der Söhne. Er führt beständig das Recht im Mund, das Recht bleiben müsse, um dessen Grenzen zu überschreiten, sobald die Überwachung der Juristen unter dem neuen König gelockert wird. Er repräsentiert den bösen Geist des Rechts, das die absurdesten Fälle erst möglich macht.
Etienne Cabanis, der Titelheld des ganzen Romans, ist ehelicher und leiblicher Sohn des Marquis von Cabanis. Als hugenottischer Emigrant nach Preußen gekommen, konvertierte der Vater zum katholischen Glauben, um so wieder die Verfügung über sein beträchtliches Vermögen zu erlangen. Doch damit verlor er die Anerkennung des preußischen Königs, den er auf entsprechende Äußerungen hin zum Duell forderte. Als der König diese Forderung ablehnte, fühlte sich der Marquis um seine Adelsehre (um die Gleichberechtigung als regierender Fürst) gebracht und weiß nichts anderes zu tun, als seine eigene Familie aufzulösen. Er läßt sich von seiner Frau scheiden und verheiratet sie mit dem Fabrikinspektor Bohm, der damit auch die Vaterstelle für Etienne übernimmt. Etienne wird genau dem System überlassen, dem der Marquis seine Entehrung vorwirft. Der Mißerfolg scheint ihm nicht unerwartet zu kommen, denn sobald Etienne als neunjähriger Junge seinem vermeintlichen Vaterhaus entflieht, organisiert der wahre Vater die weitere Erziehung, die den Sohn den Preußen und ihren Königen ganz entfremden soll. Das Familienrecht ermöglicht diese Konstruktionen, doch selbstverständlich ohne ihren Erfolg zu garantieren. Vor diesem Hintergrund und gegen alle Erziehung und Indoktrination wird Friedrich II. als das besondere Individuum positioniert, das nicht als Vorbild wirkt, sondern durch sein Charisma die Menschen an sich zieht, um auch ihre Verletzungen zu heilen: Allein mit der Geste eines halb aus der Scheide gezogenen Degens kann er auch die Ehre des Marquis wiederherstellen, so daß wenigstens Vater und Sohn die Ursprungsfamilie derer von Cabanis restituieren können.
(4) Für den Fabrikinspektor Bohm gibt es keinen glücklichen Ausweg, obwohl er stets nur seinem Pflichtgefühl gefolgt ist und das königliche Vorbild nie aus den Augen verloren hat. Er findet in der ‘neuen Zeit’ (Kap. 7) keinen Platz. Bohm ist durch die vom Marquis de Cabanis gestifteten Heirat zu einem Teil der französisch-hugenottischen Kolonie Berlins geworden. Doch anders als die beiden Bankierstöchter, in deren Verwandtschaft er geraten ist, kann er seine Außenseiterposition nicht kompensieren und bleibt den Männern der Kolonie in jeder Hinsicht unterlegen. Er sieht sich stets unter Rechtfertigungszwang, so daß Etiennes Kindheitserzählung auch eine psychologische Deutungsperspektive eröffnet, mit der seine enge Bindung an das königliche Familienbild erklärt werden kann. Die königliche Inszenierung vermittelt Orientierung in der Umgebung der Eingewanderten und Legitimation für die Unterdrückung der Kinder, doch sie wird bei Bohm wie bei Friedrich Wilhelm auch unterlaufen durch Erziehungshelfer, sei’s nun die Mutter oder die Sprach- bzw. Musiklehrer.
Zu allem Überfluß hatte Bohm in die von Cabanis gestiftete Ehe auch seinen außer- bzw. vorehelich erzeugten Sohn Gottlieb mitgebracht. Der wird familienintern gelegentlich als ‘Bankert’ bezeichnet und entwickelt sich dementsprechend in den Augen seiner ‘Vorgesetzten’ zum Tunichtgut und bleibt gegen alle Strafen und Schläge immun. Überflüssig zu sagen, daß Gottlieb mit dem guten Kern ausgestattet ist, der zum Stereotyp derartiger Figuren gehört. Und darauf ist auch seine endgültige Verbannung aus der Familie zurückzufüren. Sie wird in einer Gerichtsinszenierung vollzogen, in der die Familiengroteske als Rechtsgroteske ihren Höhepunkt findet. Das ‘Vaterrecht’ stellt sich in voller Herrlichkeit dar, aber es zeigt sich als völlig entleert, so daß es implodieren muß. Dies fühlt schon der kleine Etienne, der damit die endgültige Distanzierung vom Ziehvater vollzieht und schließlich flieht.
Vater Bohm fungiert als Ankläger und Richter, die hugenottische Verwandtschaft mütterlicherseits als Öffentlichkeit und Legitimationsinstanz. Neben kleineren Vorfällen wird Gottlieb eine Konfrontation mit der Polizei vorgeworfen. Er hatte seine Gymnasiastenclique zum Schutz einer Jüdin aufgeboten, deren pompöses Auftreten den städtischen Pöbel in Pogromstimmung versetzt hatte. Auffällig zu werden, die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und/oder Obrigkeit auf sich zu ziehen — das ist das schlimmste Vergehen in dieser Gesellschaft, insofern besteht Übereinstimmung zwischen Bohm und seinen Verwandten. Gottlieb soll Abbitte leisten. Als er sie verweigert, wird er noch an Ort und Stelle als Rekrut eingekleidet und abgeführt.
(5) Anders als Friedrich Wilhelm kann sich Bohm seines widerspenstigen Sohnes entledigen, doch er zerstört damit auch das Familienkonstrukt. Er bleibt allein und schließlich auch verarmt im leer gewordenen Haus zurück, bis Gottlieb und Etienne noch einmal zurückkehren: Bohms eigener Sohn ist zum Verbrecher geworden und jetzt auf den Tod verwundet; Etienne, einer der unpreußischsten Preußen der ganzen schönen Literatur, steht vor dem Absprung ins Zivilleben und vor einer Hochzeit, bei der vor allem über Landwirtschaft und ferne Länder geredet werden wird. Etienne ist als Nicht-Held etabliert, als bürgerliches Gegenbild zu Friedrich, womit die ganze Abbildungsmaschinerie zwischen Landesherren und Untertanenen an ihr Ende kommt.
- Der Name des Titelhelden ist aus der ‘französischen Kolonie’ Berlins entlehnt, vgl. den Ornithologen Jean Louis Cabanis, 1816-1906; doch ist auch eine Anspielung auf Pierre Jean Georges Cabanis, 1757–1808, nicht von der Hand zu weisen, dessen Hauptwerk 1804 ins Deutsche übersetzt wurde und Aufsehen erregte: Ueber die Verbindung des Physischen und Moralischen in dem Menschen. 2 Bde. Leipzig und Halle 1804, mit einer kritischen Einleitung des Übersetzers L. H. Jakob. [↩]
- Immer noch lesenswert im Hinblick auf die Überlieferung ist der 3. Band von Adolph Streckfuß: Berlin seit 500 Jahren. Vom Fischerdorf zur Weltstadt. Geschichte und Sage. 4 Bde. Berlin: Alexander Jonas 1864. [↩]
- S. nur das erste Kapitel in Der falsche Woldemar von 1842. [↩]
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