‘Du hast mich zu sprechen verlangt?’
Ein Gruppe jüngerer Herren, welche es sich in einer Ecke des ebenso kostbar wie behaglich ausgestatteten Rauchzimmers im Lotosklub bequem gemacht, schaute sich nach dem Fragesteller um. Dieser, ein athletisch gebauter beginnender Dreißiger mit gewinnenden, klug und durchgeistigt anmutenden Gesichtszügen, war hinter Ralph Waldons Sitz getreten und hatte dem ausgesucht eleganten Altersgenossen die Hand auf die Schulter gelegt; den übrigen kameradschaftlich zunickend, wiederholte er nun seine Frage. Ralph Waldon wendete sich mit kurzem Schulterruck halbwegs um. Als er den hinter ihn Getretenen erkannte, da ging es wie leichtes Mißbehagen über seine männlich schönen Züge, deren interessante Blässe wurde noch um einen Ton durchsichtiger und das ihnen so gut stehende sieghafte Lachen machte kühler Zurückhaltung Raum. Zögernd legte er auch nur die Fingerspitzen in die ihm dargebotene Hand Nad Whistlers, des jungen Anwaltes, der gleich ihm und den übrigen Mitglied des exklusiven und zu den vornehmsten gesellschaftlichen Vereinigungen New Yorks zählenden Klubs war.
Die Eingangssequenz hat mich dazu gebracht, den ganzen Roman zu lesen: Trotz aller Intrigen, die seinen Freund Nad Whistler daran hindern sollen, mit der Opernsängerin Ethel Hastings eine Familie zu gründen, muß sich Ralph Waldon mit der Rolle des Dritten am Rande des Ehebundes begnügen. Doch so schlecht, wie es dem ersten Blick erscheinen mag, sind Waldons Aussichten nicht: Literarische Ehen zwischen Anwälten und Bühnenkünstlerinnen sind notorisch selten von Dauer. Im vorliegenden Fall stimmt diesbezüglich schon pessimistisch, daß Hastings ihre eigene Familiengeschichte erst preisgibt, als sie unter Druck gesetzt wird und unter Mordverdacht gerät. Aber auch Whistlers Tauglichkeit für eine heterosexuelle Bindung bleibt angesichts seiner Anfälle von Hysterie zweifelhaft. Darüber wird im Text nicht gesprochen, so wenig wie über die Homosexualität; beides kann nur gezeigt werden. Weil nicht gesprochen werden kann, führen Waldons Interventionen zu Erpressung und Mord,1 als deren Urheber die drei Hauptfiguren reihum verdächtigt werden. Doch Verbrechen werden bekanntlich von Verbrechern begangen — und daß es sich bei den männlichen Hauptfiguren um solche nicht handeln kann, das kann man ebenfalls schon nach der Eingangssequenz vermuten. Die juristische Aufklärung gelingt (nach detektorischer Vorarbeit) in einem dramatischen öffentlichen Verfahren. Den Rest dürfen sich die Leser nach Belieben ausdenken.
Otto Hoecker: Locusta. Kriminal-Roman. (Atlantic Bücher. Eine Sammlung hervorragender Kriminal-Romane) Dresden: Verlag Deutscher Druckwerkstätten 1918. (Von Hoecker sind im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine ganze Reihe weiterer Romane erschienen, aber mehr konnte ich auf die Schnelle nicht in Erfahrung bringen.)
- Doppelmord, wenn man genau sein will, denn die Leiche wird sowohl durch einen Giftanschlag als auch durch einen Messerstich produziert, was die Forensiker vor einige Probleme stellt. [↩]
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