… Er berichtet unbefangen
Dem Anaximander alles, wie es mit dem Ring ergangen;
Dieser fühlt sich, wie begreiflich, ganz von Reu und Leid zerrissen,
Malt sich das Schaffot poetisch, faselt von Gewissensbissen,
Klagt sich selbst an, wird gerichtet auf demselben Rabensteine,
Und es rädert auch derselbe Henkersknecht ihm Arm und Beine.
Auch das Weib, das ungetreue, starb an Champignons vergiftet,
Und die Elster fiel in Wahnsinn, weil sie alles angestiftet.
(August von Platen: Die verhängnisvolle Gabel , 1826).
Karl Chop: Poesie und Verbrechen. Eine Glosse in Prosa. Leipzig: Brockhaus 1854, 191 S.
Der Text steht bei mir schon ewig auf der Liste; der Autor wird gelegentlich erwähnt1, der Titel ist hinreichend rätselhaft, daß man nicht gleich einen Erzähltext erwartet. Aber die Fernleihe2 war in der Vergangenheit umständlicher und im Antiquariatshandel ist er nie aufgetaucht. Hermann Marggraff bespricht ihn in den Blättern für literarische Unterhaltung zusammen mit dem 21. Band des Neuen Pitaval (Fall Hartung) und überlegt sich, ob Chop womöglich einen ‘wahren Kriminalfall’ verarbeitet hat.3 Und jetzt, da ich den Text endlich gelesen habe, paßt er ins Alexis-Projekt, aber auch zum jüngst erwähnten Locusta (1918) von Otto Hoecker und zur Krimi-&-Reli-Sammlung. Insgesamt steht auch Chops Text für die Vielfalt der kriminalliterarischen Produktion in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der ‘Aufklärung’ in mehr als einem Sinne verstanden werden konnte und schon gar nicht der Polizei, der Justiz und ihren Helfershelfern zugewiesen werden mußte. Erster Zugriff also:
Im Jahre 1827 wurde ich infolge eines Beamtenmiswuchses als Amtmann nach Sittenroda versetzt, obwol ich damals nur 28 Jahre alt war.
Der Mißwuchs stellt keine Behinderung des Beamten dar, im Gegenteil: Weil zu wenig Beamte ausgebildet wurden, eröffnete sich dem Ich-Erzähler eine Karrierechance, die er zu nutzen wußte. Aber man kann es auch so sehen, daß in Zeiten des Beamtenmangels der Staat nicht wählerisch ist und die Positionen bei der Justiz mit Abgängern besetzt, die keine Prädikatsnoten oder generell geringe Eignung vorzuweisen haben. Insofern kündigt der erste Satz eine autobiographische Bewährungsgeschichte an, die der Text auch liefert. Aber er führt seinen Beweis zu großen Teilen ex negativo : In Sittenroda trifft der Ich-Erzähler Otto (man erfährt nur den Vornamen) auf seinen Kindheits-, Schul- und Universitätsfreund Richardi, der in beider Heimatstadt schon als “Actuar” arbeitet und dessen Vorgesetzter er nun wird. Ottos Rückblick macht aus Richardi ein Exempel, denn der Freund konnte weder im Justizdienst noch als Dichter oder im Leben überhaupt reüssieren. Die erzählte Zeit erstreckt sich über rund vier Jahre: 1831 wurde Richardi als Mörder hingerichtet bzw. “‘geknetet und zugerichtet’ ins Jenseits spediert”, wie er das selbst aus den Akten kannte, die er als Protokollführer Ottos herzustellen hatte.
Vor der Hinrichtung Richardis scheint die Entfremdung überwunden worden zu sein, die sich in den vier Jahren zwischen den Freunden aufgetan hatte. Das kann man als Teil der Inszenierung einer Siegergeschichte lesen, in der der Ich-Erzähler voller Mitgefühl sich und den Lesern den einst geliebten Freund noch einmal vor Augen führt — und sich selbst von jeder Schuld freispricht. Nach Ottos Amtsantritt in Sittenroda hatte sich das Verhältnis dynamisch entwickelt. Die Freude darüber, mit dem Freund zusammen zu sein, war groß, wenn auch die Bezeichnung der Freundschaft an dieser Stelle schon ominös klingt: “einen liebenswürdigern Freund kann es seit der Zeit des weiland Orestes nicht gegeben haben”.
Die beiden Freunde richten sich in der Amtshierarchie ein und auch in den privaten Verhältnissen gibt es alsbald eine erfreuliche Wendung, als sie sich in je eine der zwei Töchter des pensionierten Geheimrats von Voigt verlieben. Während aber Otto zielstrebig seine Chancen nutzt und den Erfolg beiläufig mitteilt (“ich habe vergessen zu sagen, daß ich um Emma von Voigt angehalten und mich mit ihr nach halbjähriger Verlobung verheiratet hatte”), ist Richardi den Möglichkeiten gegenüber hilflos. Ihm fehle, wie er sich dem Freund gegenüber ausdrückt, “die echte Mannesstärke”, “ich weiß nicht muthig zu leben, wie ich muthig sterben könnte”. Otto, so diagnostiziert wiederum Richardi, sei “einseitig, aber ein ganzer Mann”, während er sich selbst attestiert, “halb Protestant, halb Katholik, halb Jurist, halb Dichter” zu sein, “und selbst mein Lieben ist nur ein halbes. Ich komme nie zur Einheit”. Schon gar nicht, indem er versucht, ‘ganz’ katholisch zu werden, sich ‘ganz’ der Dichtung zu widmen, und mit Anna eine Liebesehe zu führen, in der die Geschlechterdichotomien überwunden werden und gegenseitiges Verstehen möglich wird.
Otto hält all dies für Krankheitszeichen und wird darin noch bestärkt durch die Exaltationen und Stimmungsschwankungen Richardis. An erster Stelle will er die Konversion Richardis verhindern, weil sie sowohl die Karrierechancen als auch die Heiratsaussichten für den Freund zunichte machen würde. In dem Herzogtum, zu dem Sittenroda in der Textwelt gehört, ist der Protestantismus die Staatsreligion, während katholische Christen zwar geduldet, aber doch benachteiligt werden. Quer durch die Bevölkerungsschichten, vom Herzog angefangen, gilt der Katholizismus als kriminogen, schon weil er mit seinen Ausdrucksformen die Sinnlichkeit befördere. Die altbairischen Katholiken gelten dem Herzog insofern als abschreckendes Beispiel, weil deren bekannte Lust an blutigen Raufereien die Ursache in der Glaubenspraxis habe.
Mit der Hilfe des örtlichen katholischen Geistlichen (der alles tut, um seiner Gemeinde die öffentliche Aufmerksamkeit für einen Konvertiten zu ersparen) wird für Richardi ausgerechnet eine Romreise organisiert. Der Mystizismus soll als Krankheit da ausgetrieben werden, wo er in alltäglicher Praxis ist: “Eine italienische Reise ist wie die andere, Goethe und Nicolai sind nur verschiedene Propheten desselben Gottes” — und keiner von beiden ist als Katholik zurückgekehrt. Aber Richardi findet, was er gesucht hat und wird zum Opfer eines deutschen Priesters, dessen zölibatäre Verfehlungen in Deutschland schon aufgefallen waren. Als er das in seinen Briefen mitteilt, wird sofort die Rückreise in die Wege geleitet, doch Richardi kommt als Katholik an. Was sich aber jetzt in Sittenroda als Skandal abzeichnet, das wird durch eine Intrige des Aushilfsactuars (der seinerseits Sohn eines nobilitierten ‘Kornwucherers’, also jüdischer Herkunft ist) überholt. Während Otto damit umgeht, Richardi in die örtliche Männergesellschaft einzuführen, denn nun soll der “Sauerteig [...] von derben männlichen Händen geknetet werden, damit das Brot aufgeht”, kommt es zur Katastrophe, in deren Folge Richardi seinen Vertreter zum Duell fordert. Anstatt sich zu stellen, macht der Geforderte eine Anzeige bei der vorgesetzten Behörde, so daß Richardi vom Dienst suspendiert wird. Die Auflösung der Verlobung durch den Brautvater ist danach nur noch Formsache. Richardi verabschiedet sich scheinbar ruhig vom Freund zu einer Fußreise, die, wie nicht anders zu erwarten, direkt zum Mord, zur Verhaftung und zur Verurteilung führt. Begnadigung ist ausgeschlossen, da sie einem Beamten prinzipiell nicht gewährt werden darf. Ottos Bericht schließt mit der Schilderung der letzten Tage des Hingerichteten, die mit Abschiedsbegegnungen ausgefüllt sind. Anna will Richardi noch zu Flucht verhelfen, aber er lehnt ab.
Doch was hat’s nun mit “Poesie und Verbrechen” in der Mord- und Hinrichtungsgeschichte auf sich? Der Ich-Erzähler gibt an zahlreichen Stellen das Wort an Richardi ab und ‘dokumentiert’ nicht nur Briefe, sondern vor allem Gedichte aus unterschiedlichen Phasen des kurzen Lebens. Erzähltechnisch ist das nicht unproblematisch, schon weil Otto die Texte kommentiert und meist abwertet. Aus seiner Sicht sind sie epigonal und hauptsächlich Symptomträger der Krankheit und Beweise für die prinzipielle Lebensunfähigkeit, deren Selbstdiagnose er Richardi mehrfach aussprechen läßt. Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, warum Marggraff in seiner Rezension die Hoffnung auf ‘Aktenmäßigkeit’ ausspricht, denn nur so könnte die These belegt werden, daß die literarische Produktion vor dem Verbrechen nicht therapeutische, sondern prognostische Funktionen hat. Sind Richardis Gedichte jedoch als Pseudodokumente der Autorinstanz zuzurechnen, dann unterminieren sie nicht nur die These, sondern die ganze Textsorte, auf die sich Chop zu berufen scheint. Vor diesem veränderten Hintergrund kann man den Text als Studie zur literarischen Konstruktion des ‘Anderen’ lesen. Die Differenz zwischen Subjekt und Objekt der Darstellung verschwindet.
Daß sich Gegensätze anziehen, das ist ein Gemeinplatz für unwahrscheinliche Beziehungen, den auch Chops Ich-Erzähler verwendet, um seine Freundschaft mit Richardi zu begründen; schon die Orestes-Pylades-Erinnerung gehört in diesen Zusammenhang. Aber in der Konstruktion des Mordfalles und des Verbrecher-Poeten wird Ottos Angst vor dem anderen Skandal verdeckt, der in der Aufdeckung der homoerotischen Beziehung zwischen ihm und Richardi bestanden hätte — und die durch die Hinrichtung (und noch mit der aufwendigen Inszenierung der letzten Begegnung zwischen Richardi und Anna) verhindert wird. Für diese homoerotische Beziehung zwischen den beiden Männern sprechen zahlreiche empfindsame Details bei den Schilderungen ihrer Begegnungen. Im Bild des ‘Anderen’ versteckt der Erzähler sich selbst und seine Ängste vor den Teilen seines Ichs, die er unterdrücken muß, will er nicht mit dem Freund untergehen. Aber diese Camouflage gelingt nicht vollständig, darin besteht für mich der Clou dieser “Glosse” zu “Poesie und Verbrechen”.
Der Henker, der seinen Antrittsbesuch bei Richardi am Abend vor der Hinrichtung macht, spricht eine Ahnung vom Verschwiegenen aus: “Junger Herr, wenn Sie unschuldig sind, wenn Sie des Lebens überdrüssig sind — – Nein, das thun Sie einem alten Manne nicht zu Leide. [...] Lieber, junger Mann, sehen Sie, ich alter Mann würde nicht wieder froh, wenn mir das passirte. Die Sünde werden Sie doch nicht begehen wollen”. Und der katholische Geistliche hatte vorher schon auf das Beichtgeheimnis verwiesen, das ihn daran hindere, Einzelheiten aus dem Leben Richardis preiszugeben.
Richardi selbst aber hat Otto, als dieser ihn mit einem Mahlmann-Zitat zum männlichen Mut vor dem Tod aufforderte, mit einem korrumpierten und damit camouflierten Platen-Zitat geantwortet: “Fabelt von Gewissenbissen / Malt sich das Schaffot poetisch”. Wozu man wissen sollte, daß Platens Verhängnisvolle Gabel als Parodie auf die grassierenden Schicksaltragödien gemünzt war, deren auslaufende Mode vor allem von Adolph Müllner und Ernst von Houwald bedient worden war.4 Richardi stellt seinen Tod als Opfer dar, das er der Liebe zu Otto bringt. Seine letzten Worte, die er an den Freund richtet, sind genau so zu verstehen: “Leb wohl, Otto, und behalte mich lieb!” Indem er dessen Camouflage durchsichtig macht, bleibt er letztlich doch dem Ich-Erzähler überlegen. Umgekehrt: Weil der Ich-Erzähler sich von seiner Inszenierung der letzten Stunden mit dem Freund mitreißen läßt, wird seiner Deutung und seiner Selbst-Freisprechung die Basis entzogen. “Poesie und Verbrechen” entzöge sich demnach dem strategischen Einsatz bei der Darstellung und Deutung der Kriminalität. Der Sprecher spricht, wenn er über den Anderen spricht, stets auch über sich selbst. Das kann man vermutlich nicht oft genug vorführen.
Von diesem Ende her sind dann auch die paratextuellen Hinweise am Beginn des Textes zu entschlüsseln. Schon sie verweisen auf August von Platen, dessen sexuelle Orientierung dem Allgemeinwissen angehörte, und zwar seit der ‘Heine-Platen-Affäre’, die genau in den Zeitraum fällt, den Chop für die Kriminalitätsdarstellung in seiner “Glosse” wählte. Vor den ersten Satz des (im übrigen fortlaufend und ohne Kapiteltrennungen erzählten) Textes ist ein Motto gesetzt, das zwar richtigerweise “Tieck” zugeschrieben wird (Phantasus/Fortunat), das aber ebenfalls von Platen genutzt wurde, in zwar in einer (lyrischen) “Glosse”, mit deren Zitat ich jetzt abbreche.

(Aus Gesammelte Werke des Grafen August von Platen. In einem Band. Stuttgart und Tübingen: Cotta 1839 , S. 21. Nachrichten über Karl Chop folgen, sobald ich das Material habe.)
- Hügel hat ihn mit einer Detektiverzählung im Portfolio. [↩]
- Der Link zur Liste der Linkeschen Leihbibliothek (Leipzig) ist empfehlenswert. [↩]
- Aus meiner heutigen Sicht ist das eine ziemlich unsinnige Frage. [↩]
- Ruth Esterhammer zitiert übrigens den Nachruf auf Platen im Mitternachtsblatt für gebildete Stände (1836), in dem noch der Geist des Gründers Müllner (+ 1829) umzugehen scheint: “Ja, er (Platen] war stolz und übermüthig aufgetreten, seine polemischen Gedichte Die verhängnisvolle Gabel und Der romantische Oedipus erschienen mit der Peitsche ausgerüstet in unsrer literarischen Gesellschaft, und das ist ein Debüt, was nur die Skandallustigen erfreut. Er verhöhnte unnütz und ungerecht hoffnungsreiche Poeten, von welchen die Nation noch Schönes erwartete, er beleidigte erniedrigend, indem er sie neben Kaupach stellte, er erregte dadurch Ausbrüche verletzter Persönlichkeit, welche Gelegenheit boten, das Talent zu mißbrauchen, den Koth mit Geschicklichkeit zu handhaben – und das kam Alles mit auf seine Rechnung, denn wer den Streit ungebührlich beginnt, dem werden auch die spateren Ungebührlichkeiten, ja Unanständigkeiten des Streites mit angerechnet.” (Heines Platen-Attacke als ein Skandal mit Langzeitwirkung,” in Literatur als Skandal: Fälle–Funktionen–Folgen , Hg. Stefan Neuhaus und Johann Holzner. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007), S. 190–201. [↩]
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