Wohin segelt das Schiff? Es trägt sidonische Männer,
Die von dem frierenden Nord bringen den Bernstein, das Zinn.
Trag es gnädig, Neptun, und wiegt es schonend, ihr Winde,
In bewirtender Bucht rausch ihm ein trinkbarer Quell.
Euch, ihr Götter, gehört der Kaufmann. Güter zu suchen,
Geht er, doch an sein Schiff knüpfet das Gute sich an.
(Schiller: Der Kaufmann, Musen-Almanach von 1796.)
Willibald Alexis: Die Flucht nach Amerika. In: Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1848. Neue Folge, 10. Jg. Leipzig: Brockhaus 1848, S. 129-222. (BSB-Digitalisat.)
Es war Abend geworden in der kleinen Hafenstadt; die Schiffslaternen an den Masten wurden angezündet, das laute Gewühl auf dem Bollwerk verstummte und schien sich in die Schiffertavernen zurückzuziehen, deren kleine, niedrige Fenster immer heller wurden, während das Toben, Singen, Fluchen um so lauter herausschallte
Theodor ist mit Angelica auf der Flucht. ‘Amerika’ ist unerreichbar, eine Chiffre für Freiheit, aber die ‘Flucht’ gilt der Verantwortung und beschreibt deshalb einen Kreis.
Alexis hat eine gewisse Vorliebe für ‘sprechende Namen’, aber man muß vorsichtig mit ihnen umgehen: Es ist keineswegs ausgemacht, daß der Träger des Namens auch selbst ein Gottesgeschenk ist, und über die Funktionen, die ein Engel in der modernen Welt der Erzählung haben könnte, sollte man sich erst am Ende Gedanken machen.
Die Novelle gehört in die größeren Zusammenhänge der ersten Jahrhunderthälfte: Reise, Flucht, Exil und Europa- wie Amerikamüde einerseits, andererseits bestätigt und reflektiert sie das Interesse der ‘schönen’ Literatur für die Kaufmannsarbeit und die Kaufmannsehre, das immer auch an Übertretungs- und damit Viktimisierungsvorstellungen andockt. Aber ich bleibe beim Text:
In der kleinen Hafenstadt sucht Theodor für sich und Angelica eine Passage und findet eine kleine Brigg mit elf Mann Besatzung. Sie soll mit ihrer Ladung nach Bahia auslaufen. Doch der Kapitän lehnt Passagierfracht ab, so daß Theodor den Reeder aufsuchen muß. Er hat Papiere bei sich, die ihn als Buchhalter eines Konkurrenzunternehmens ausweisen. Scheinbar ehrlich, gesteht er deren Fälschung ein und stellt sich als Baron vor, der von seinem Landesherrn wegen der Teilnahme an einer demokratischen Verschwörung mit besonderem Nachdruck verfolgt werde. Zweihundert Louisdors, die er dem Reeder auf den Tisch legt, sollen seiner Geschichte zusätzliches Gewicht geben. Der Reeder geht darauf ein und gibt entsprechende Befehle an den Kapitän. Doch damit täuscht er Theodor wie dieser ihn. Er hat ihn nämlich als den Inhaber eines falliten Konkurrenzunternehmens erkannt, dem er keineswegs dazu verhelfen will, den Rest seines Vermögens vor den Gläubigern in Sicherheit zu bringen. Die zweihundert Louisdors halten ihn unmittelbar schadlos für einen Wechsel, der im Konkurs des Konkurrenten geplatzt ist. Die Brigg ist als Seelenverkäufer ausgerüstet, ihre Ladung ist wertlos, aber versichert. Sie soll bei erster Gelegenheit auf Grund gesetzt werden, denn der Reeder hat auch mit der Versicherungsgesellschaft noch eine Rechnung offen. Was sie ihm früher (aus seiner Sicht) rechtswidrig vorenthalten hat, will er sich jetzt — dito — holen.
Angelica kann zwar ein Gespräch des Reeders mit seiner Frau belauschen und erfährt so, was mit der Brigg “Fiducia” geschehen soll, doch sie fällt in eine scheintodähnliche Ohnmacht, aus der sie erst erwacht, als sie schon mehrere Tage auf dem Schiff ist und als vermeintliche Leiche den Aberglauben der Mannschaft hervorruft. Der Engel ist handlungsunfähig, aber der Leser lernt frühzeitig, wie der kaufmännische Kampf ums Überleben der Firma geführt wird; Regelverletzungen und Straftaten fallen um so leichter, wenn die Drahtzieher nicht selbst Hand anlegen müssen.
Die Selbstrechtfertigung, die der Reeder an seine Frau richtet, ist aufschlußreich:
Brauch ich dir zu wiederholen, was du von deinem Bruder, Vater, Großvater [...] weißt? [...] Ein gestürztes Haus mag eine Weile stehen, — die Welt sagt, es wird durch Freunde gestützt, Freunde ihrer selbst, die es halten, damit es im Sturze nicht ihre Häuser einschlägt. Dann tragen sie die Steine allmälig, leise, ab, bis — ich sage dir, ein Haus, was seinen Nerv verlor, den Credit, den Glauben an sich selbst, das wächst nicht mehr. Wer sich nicht selbst zu helfen weiß, ist verloren.
Bei den Buddenbrooks und den Hagenstöms wird um diese Zeit nicht viel anders gesprochen. Der Kaufmann bläst sich zum Kaufherrn auf, um Vergangenheit und Zukunft zu repräsentieren. Er spricht nicht von Familie, er erinnert nicht daran, daß sie der Ort der Wertevermittlung und der väterlichen Repräsentanz ist. Statt dessen beruft er sich auf das ‘Haus’, in dessen Namen und zu dessen Nutzen man die Regeln übertreten, aber sich nicht erwischen lassen darf. Das ‘Haus’ wird dabei zur Sprachfigur, mit der Skrupellosigkeit verdeckt und zugleich legitimiert werden soll.1
Trotzdem stellt der Rezensent der Grenzboten nur mit halbem Recht fest, daß lauter “Spitzbuben” in dieser Novelle aufträten. Die Kaufleute betrügen sich untereinander, indem sie Kreditwürdigkeit behaupten, über die sie nicht verfügen, der Kapitän der Brigg “Fiducia” soll und will den Untergang des Schiffs auftragsgemäß, aber gesetzwidrig herbeiführen, und der Passagier Theodor ist ein betrogener Betrüger, der mit seinen angenommenen Identitäten sich selbst und seine Frau in Lebensgefahr bringt. Der für Alexis’ Wirklichkeitskonstruktionen nahezu unabdingbare Typus des Impostors tritt aber ausschließlich in der ‘Oberschicht’ der Textwelt auf. Die ‘Unterschicht’ besteht aus den Mannschaftsangehörigen der “Fiducia”. In den ersten Begegnungen erscheinen sie Theodor als die “schweigsam tückischen Halbmenschen”, die nur noch auf einem Seelenverkäufer Heuer finden können. Sie müssen aus seiner Sicht durch die Macht des Kapitäns gezähmt werden, da sie der Zivilisierung (und sei es durch das Recht, das Theodor kennt und deshalb bricht) ganz und gar unzugänglich sind. Eigentlich müßte Theodor diese Zeichen zu deuten wissen und die Brigg schon deshalb meiden. Aber er hat sich in seine Täuschungen so weit verstrickt, daß er der Gefahr aus eigener Kraft nicht mehr entgehen kann.
Die Symboliken von Seefahrt und Schiffbruch waren Alexis nicht fremd. Schon in der Auftaktsequenz von Walladmor (1825) wird die auf das “Brett des Karneades” zurückgehende Konfliktsituation aus wechselnden Blickwinkeln durchgespielt.2 Doch die Flucht-Novelle will sich dieser Perspektive entziehen, nicht obwohl, sondern weil in der kaufmännischen Rechtfertigungsrede auf sie angespielt wird:
Es war ein Sturm, wie deren viele auf der See gewesen sind und sein werden, wie Viele ihn beschrieben haben und noch beschreiben werden. Darum verweise ich meine Leser auf diese Schriftsteller; denn ich habe nichts Neues hizuzufügen, noch zu erfinden, so wie ich auch die Schiffersprache, die jeder Leser vielleicht besser kennt als ich, um mich oder ihn nicht zu ermüden, in unsere Alltagssprache übersetzt habe.
Das Leserinteresse soll verschoben werden — vom Großen und Ganzen der Conditio-Humana- Perspektive hin zu den Rechtfertigungen des modernen ökonomischen Handelns, die in der ‘prädarwinistischen’ Sprechweise der Kaufleute zum Ausdruck kommen. Zwar wird diese Perspektive verworfen, aber gleichzeitig wird mindestens angedeutet, daß Kaufmannsethik weder religiös noch mit dem Rekurs auf die ‘Goldene Regel’ durchgesetzt werden kann, da sich der Regelverletzer immer schon auf einen Vorgänger berufen kann, indem er z. B. gegen die Versicherungsgesellschaft einen anderen Rechtsstandpunkt anführt. Dazu kommt, daß das ökonomische Handeln die ahnungslosen, wenn auch nicht immer unbeteiligten Dritten als ‘Verbraucher’ einbezieht. Wenn Passagiertransport als Geschäft betrieben wird, dann gilt für Schillers Anrufung der Götter in der Tat nur noch die ironische Lesart.
Die Fahrt der “Fiducia” verläuft dramatisch und endet nicht im inszenierten Untergang, sondern in einem französischen Hafen an der Kanalküste, wo die übrig gebliebenen Mitglieder der Besatzung auf ihre Strafverfahren warten, an deren Ausgang kein Zweifel besteht. Nur Theodor scheint sich mit seiner angenommenen Identität wieder durchmogeln zu können. Während der Fahrt hatte die Mannschaft den Kapitän und dessen (wie gewöhnlich bei Alexis: vermeintlichen) Sohn, den ersten Steuermann, umgebracht, um sich anschließend auch der Passagiere zu entledigen. Der genesenen Angelica gelang es jedoch, das Gewissen des Anführers der Meuterer zu wecken. Sie zeigte ihm das “Auge Gottes”, das rechtzeitig eine Wolkenlücke gefunden hatte. Steven Knot fügte sich in das Schicksal, das ihm damit gewiesen wurde, denn er hatte “nicht mehr Lust zu sündigen”:
Ob nun ein bischen länger, ob ein bischen kürzer, ‘raus kommt jede Schuld, und uns wird gemessen, als wie wir gemessen haben. Einen Tod kann aber Jeder nur sterben. Und nun ist mir auch viel leichter ums Herz. [...] Wie ich mir denke, daß einem schlechten Schuldner sein muß, der immerzu geborgt hat, und gar nicht ans Bezahlen dachte, und nun mit einem Mal, da’s ihn recht drückt vor seinem Tode, kann er’s blank und baar Allen aufzählen. Da stirbt sich’s leichter.
Nach einer kurzen religiösen Reminiszenz bedient sich auch der Seemann der kaufmännischen Perspektive von Soll und Haben, von Kredit und Rückzahlung. Aber seine Umkehr wird ihn das Leben kosten. Damit trifft er das Gewissen Theodors, der sich, anstatt seine Flucht fortzusetzen, in Hamburg den Behörden stellen will. Am Galgen, so bestärkt ihn Angelica in seinem Entschluß, wird er als Konkursbetrüger nicht enden. So vermittelt, kommt mit dem ‘Halbmenschen’ die Solidarität zustande, die Theodor gleich zweimal rettet — zunächst aus der unmittelbaren Lebensgefahr, dann auch noch aus der kaufmännisch-moralischen Verwahrlosung. Als Knot noch unter der Fuchtel des despotischen Kapitäns stand, war er für Theodor ununterscheidbares Mitglied der Untermenschengruppe, als die sich ihm die Mitglieder der Schiffsmannschaft darstellten. Erst als der Kapitän entsorgt war, erkannte er in ihm den “Caliban unter den Widerwärtigen”, der als “Seele der Andern” fungierte, als der “Angeber, der Rädelsführer, der Geist [...], wo sonst kein Geist war”. Theodor läßt sich nach überstandener Lebensgefahr die Chance zur weiteren Flucht entgehen. Er erkennt sich als den Verlierer, den das Spiel produzieren muß, um den Bestand der Regeln zu garantieren. Um dies zu zeigen, muß man das Leben nicht einsetzen.
So gesehen bringt Alexis mit der Flucht-Novelle die Schuld-Sühne-Literarisierung des Verbrechens ins Gespräch. Diese kann im Grunde nur aufgehen, wenn sich Täter und Opfer gegenüberstehen und sich in der Verbrechensvorstellung einig sind. Sowie Verbrechen in den — an sich plausiblen — Rahmen der ökonomischen Regeln gestellt wird, verliert es seine Eindeutigkeit und wird von der Position des Regelverletzers abhängig. Erfolg (oder: der Bestand des ‘Hauses’) rechnet stets mit durchlässigen Regeln. Auf der Rückseite dieser Reflexion kann man dann entdecken, daß auch der schlechthinnige Verbrechermensch noch reformierbar ist, unabhängig davon, ob schon vorher ein ‘guter Kern’ in ihm auszumachen war. (Umgebracht wird er ohnehin: insofern bleibt auch Alexis’ Novelle dem Schillerschen Vorbild verpflichtet, demzufolge erst nach der Hinrichtung über die verlorene gesellschaftliche Ehre gesprochen wird.)
Fragt sich noch, wie mit den Shakespeare-Anspielungen in der Novelle umzugehen ist. Zwar konstatierte August Wilhelm Schlegel schon, daß “Caliban [...] unter den seltsamen Schöpfungen einer dichterischen Einbildungskraft zum Sprichwort geworden” sei:
Ein Mittelding von einem Gnomen und einem Wilden, halb dämonischer, halb viehischer Natur, in dessen Betragen man zugleich die Spuren seiner angebornen Art und den Einfluß von Prosperos Erziehung wahrnimmt. Dieser hat nur seinen Verstand entwickeln können, ohne im geringsten seine eingewurzelte Bosheit zu zähmen.
“[U]ngeachtet ihrer Häßlichkeit” sei die Schilderung “dieses Ungeheuers [...] doch nicht beleidigend für das Gefühl, weil die Ehre der Menschheit nicht dabei gefährdet” werde. Der Pierer von 1857 faßt die herrschende Meinung über Caliban so zusammen: “Ungeheuer , häßlich, roh, verrucht, thierisch, aller Verbrechen fähig u. teuflisch verschmitzt”.
Die so verstandene Shakespeare-Figur macht als Steven Knot bei Alexis eine Wandlung durch, die mit einigem Aufwand in Szene gesetzt wird: Mit der Hilfe von Angelica sozialisiert Knot/Caliban sich gewissermaßen selbst und betritt das Gefängnis als schuldbewußter Frommer, der seiner Hinrichtung mit Gelassenheit entgegensieht. Die kaufmännische Inszenierung des Schiffbruchs mißlingt mit seiner un- oder allenfalls halb-absichtlichen Hilfe. In seinem Namen steckt nicht nur die Verneinung des Caliban-Bildes, sondern noch ein weiterer Verweis auf den ersten Akt von The Tempest/Der Sturm, und zwar speziell in der Tieckschen Eindeutschung. Und bekanntlich verehrte Alexis Tieck als Vorbild, so daß man diesen auch in der Caliban-Figur der Novelle des Schülers am Werk vermuten darf.
Im ersten Akt von The Tempest gibt Ariel den Bericht vom Erfolg seiner Schiffbruchsinszenierung und antwortet auf Prosperos Frage nach dem Verbleib des Königssohns, daß der in “einem fernen Winkel dieser Insel sitze”, die “Luft mit seinen Seufzern” abkühle, “die Arme in diesen traurigen Knoten geschlungen”.3 Spätere Übersetzungen haben den Tieckschen Knoten für den “knot” des Originals zu den ‘verschlungenen Armen’ des Prinzen reduziert — zum allgegenwärtigen Händeringen in der Not. Wenn man diesen Indizien folgen möchte, dann kommt man auch zu Tiecks Interpretation, in der Caliban ganz dezidiert als Vermittler von Selbsterkenntnis figuriert, der zum Lachen verführt, weil mit ihm alltägliche Verhaltensweisen zur Kenntlichkeit zugespitzt werden:
Wir lachen über den Caliban und seinen Sklavensinn, weil hier [...] im Komischen verhüllt eine unendliche Wahrheit ausgesprochen wird; weil wir diese, durch welche Tausende vor unsrer Phantasie in Calibans verwandelt worden, sogleich fühlen.
Wenn Caliban auf der Bühne, so Tieck weiter, Stefano zu seinem neuen Gott ausruft, weil der ihn mit dem guten Wein versorgt, dann brauchen sich die Zuschauer im Theater nur umzuschauen, um die je zeitgenössischen Calibans zu entdecken (und selbst als Caliban entdeckt zu werden):
Ich weiß meine Verehrung, meinen Glauben, das Bedürfniß, Etwas anzubeten, nirgend anzubringen: mir fehlt ein Gott, an den ich glauben könnte, dem ich dienen, dem ich mein Herz widmen möchte, völlig; sei du es, denn — du hast guten Wein, und der wird hoffentlich vorhalten.
In Alexis’ Erzählung wird diese Deutung noch radikalisiert: Knot wendet sich Gott zu, weil er stets nur Schuldner und nie Gläubiger ist. Vom kaufmännischen Standpunkt aus gesehen, ist dieser Gott lediglich Ersatz für den Erfolg und kennzeichnet den, der ihn anbetet, einmal mehr als den Verlierer. Caliban im Soll: das ist, in jeder Hinsicht, das Ende des Bösen.
- Auch hier der Erinnerungsposten: das Haus als Alexis’ Multifunktionssymbol. [↩]
- Vgl. Kühlmann, Wilhelm. “Schiffbruch, Notstand und ‘rechtsfreier Raum.’ Zum epochalen und diskursiven Gehalt der Ballade Die Vergeltung von A. v. Droste-Hülshoff und eines frühen Romans von Willibald Alexis.” Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 31.2 (2006), S. 228–239. [↩]
- “The Kings sonne haue I landed by himselfe, / Whom I left cooling of the Ayre with sighes, / In an odde Angle of the Isle, and sitting / His armes in this sad knot”. [↩]
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