Schlitzer im Krieg (Arnold Zweig, 1914)

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Arnold Zweig: “Die Bestie”. In: Die Bestie. Erzählungen. (Langens Kriegsbücher. Geschichten aus Deutschlands Kämpfen 1914. Drittes Bändchen) München: Albert Langen, 1914, S. 7–22.

Am Vormittag hatte der belgische Landwirt, der hier nicht nur tötet, sondern auch die Körper seiner Opfer aufreißt und ausweidet, von der Annäherung der deutschen Truppen erfahren und war zudem mit einer Pistole ausgerüstet worden. Er hatte seine Familie — Frau, Tochter, Enkelkinder — mit den wichtigsten Besitztümern auf die Flucht geschickt und war allein auf dem Hof zurückgeblieben. Am späten Nachmittag waren dann die drei deutschen Soldaten auf den Hof gekommen und hatten sich einquartiert. Sie hatten sich als höfliche Herren aufgeführt und noch angekündigt, für Unterkunft und Verpflegung bezahlen zu wollen. Sie waren als “die Herren” aufgetreten, die “ohne Recht und ohne ein Wort die Grenze dieses Landes und seinen Frieden unter die Hufeisen ihrer Gäule getreten hatten, [...] grau wie Stahl, und die Sonne malte ihnen rotgelbe Gesichter” (S. 12). Als er zusehen mußte, wie sich die Herren am Brunnen wuschen, sind ihm diese Teufel wie “gebrühte Schweine” (S. 13) erschienen. Anstatt sich in sein Schicksal zu ergeben, greift er zur List der Unterlegenen und Überrollten: “euch zu vergiften, wenn ihr Wasser trinkt, euch zu verbrennen, wenn ihr verwundet seid, euch in den Sumpf zu führen, wenn ihr uns vertraut” (S. 14 f.), [...] “sie, die den Krieg mitten in die Ernte geworfen hatten und in das kleine emsige Land. Sein Blut blieb stehen vor Grimm” (S. 18).

Die Pferde der drei Toten, die auf seiner Koppel weiden, verraten ihn am nächsten Tag. Die Einheit, die nach den Vermißten sucht, entdeckt die Leichen und macht kurzen Prozeß: “es gab keine Vergeltung in der Welt, nur Gericht, und hier nicht einmal Gericht, nur Vertilgung” (S. 21). Als Labrousse auf seinem Hof ein Grab ausheben muß, glaubt er und freut sich darüber, wenigstens in der eigenen Erde begraben zu werden. Aber damit täuscht er sich, denn das Grab ist für die drei toten Besatzer, während über seiner Leiche das brennende Haus zusammenbrechen wird.

Hellmuth Kiesel zitiert in seiner Jünger-Biographie aus der abgebildeten Passage, um zu zeigen, daß in der Anfangszeit des Ersten Weltkrieges selbst Autoren wie Arnold Zweig der Kriegs- und Greuelpropaganda nahestanden: Man “unterstellte [...] den Nachbarländern, die nun zu Feinden geworden waren, jede Niedertracht”. So schildere Zweig in seiner Erzählung, “die bald nach dem völkerreichtswidrigen und von Kriegsverbrechen begleiteten Einmarsch nach Belgien entstand [...] auf eine geradezu brutale Weise, wie ein belgischer Bauer drei deutsche Soldaten, die bei ihm Quartier genommen haben, ermordet und ausweidet”.1

Aber so eindeutig ist das nicht: dem schauerlichen Eindringen des Mörders in die Körper seiner Opfer wird das herrenmäßige, aber gleichermaßen rechtlose Eindringen der Besatzer in das Land gegenübergestellt, das an mehreren Stellen als der erweiterte Körper seiner Bewohner charakterisiert ist. Deshalb weist die Ripper-Passage auf die ersten Eindringlinge zurück und macht auch sie zu Schlitzern. Daß dies im Propagandakontext überlesen werden kann (überlesen werden soll), versteht sich. Doch im Rückblick erweist sich der Ripper-Mythos in Zweigs Erzählung als reflexiv. Die Bestien bespiegeln sich gegenseitig.

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  1. Ernst Jünger. Die Biographie. München: Siedler 2007, S. 93 f. []

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