Kriminologische Anfänge: Natur und Pop (Alexis)

Der (fiktive) Regierungsrat von Fuchsius hatte geglaubt, einen entscheidenden Karriereschritt gemacht zu haben, als er 1805/06 zum engsten Mitarbeiter des Ministers vom Stein aufrückte. Doch im Entwurf einer kriegsbefürwortenden Denkschrift plagiierte er den Text eines jungen, bislang anstellungslosen Intellektuellen. Von Fuchsius wird seines Vergehens überführt und muß sich eine andere Stelle suchen — seine Zukunft wird ihn als Kriminalrichter in die “Verbrecherwelt” führen. Das kennzeichnet ihn zwar nicht als hervorragenden Juristen (von Julius Eduard Hitzig gibt es eine entsprechende Bemerkung), aber doch als Psychologen, der die Interessen der Öffentlichkeit kennt und sich seine Aussichten schön zu reden weiß:

Die Wahrheit, die ich in der Psychologie des Staates nicht fand, suche ich in der der Gefängnisse. Es ist eigentlich derselbe Stempel, nur ursprünglicher, frischer. Das Schillersche Weltgericht finde ich hier viel konziser, konkreter. Die Kreise eines Verbrechers, klein fangen sie an, um rasch größer zu werden, bis er noch schneller seine Katastrophe erreicht; dann verengen sie sich wieder, immer rascher, bis sie zur Schlinge werden. Dort sehen wir nur Stückwerk, hier Totalitäten.

Wie aus dem unscheinbaren Keim eine ganze Verbrecherlaufbahn entspringt, wie die erste Unterlassungssünde, die Scham darüber, das Streben, es zu verbergen, ebensooft als der Kitzel der Lust das Individuum weitertreibt, gäbe das keine Anschauungen, Belehrung, ja Erhebung? Da! in der großen Geschichte vertuscht man es, wie aus dem Kleinen das Ungeheure sich ballt, hier ist kein Grund dazu, die Diplomaten und Historiker fehlen, die das Schlechte schön malen, dem Albernen einen tiefen Sinn unterlegen. Die Natur gibt sich, wie sie ist, und versucht’s ein Verbrecher, durch Lügen sich einen bessern Schein zu geben, so braucht man ihn nur fortlügen zu lassen, er verstrickt sich mit jedem Worte tiefer, unlösbar, und die Wahrheit fällt wie der reife Apfel vom Baume. Und wenn mitten aus der Verworfenheit ein schöner, menschlicher Zug wie ein Licht aus bessern Welten vorschießt, da kann dem Kriminalisten eine Träne ins Auge treten, und er kann den Verbrecher lieben, den er verdammen muß. Ja, Teuerster, der Sprung aus der Politik in die Kriminalistik ist für mich zur Rettung geworden aus einer Welt der Verwesung, über der der gleißende Schein immer mehr reißt, in eine Naturwelt, wo es noch chaotisch daliegt, unschön, meinethalben ekelhaft, aber es ist die grelle Naturwahrheit, die der Mensch bessern, veredeln sollte, gewiß, es war seine Aufgabe, aber er hat sie verpfuscht.

Das ist, kurz und knapp literarisiert, die Vorlaufsgeschichte der (juristischen) Kriminologie, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchsetzen wird. Daß von Fuchsius den reifen Apfel als Bild für die Wahrheit verwendet, ist kein Wunder. Allenthalben bei Alexis ist der Garten das Vorbild für die Strafjustiz. Hier wie dort wird die Natur einem wohltätigen Ordnungskonzept unterworfen, das sich in seiner Praxis als lernfähig erweisen muß.

Selbstverständlich ist der Alltag des Kriminalrichters banaler als es die alles überwölbende Theorie vermuten läßt, schließlich handeln “unter hundert Fällen neun und neunzig” lediglich “von der Verwechselung des Mein und Dein”. Aber selbst darin kann er die “große Frage” erkennen, “die Alles regiert”. Vor diesem Hintergrund wird der Richter zum Kriminologen und der Kriminologe zum Gesellschaftswissenschaftler, der sich die “interessantesten Studien” vornimmt und damit die Öffentlichkeit sucht: “So zergliedere, arrangiere ich sie mir; ich finde die Erklärung für Vieles, was oben im Licht geschieht, in meinem Schattenreich”.

Doch das ist Zukunftsmusik. Wo von Fuchsius verhaften kann und inquirieren muß, da binden ihn die Gesetze und verhindern den letzten Erfolg: Weder die Geheimrätin Lupinus noch der Legationsrat von Wandel können zur Höchststrafe verurteilt werden. Die literarische Klage, daß die Gesetze den hochgestellten Verbrecher vor dem nachhaltigen Zugriff durch die Polizei schützen, ist alt. Der Kriminalrat hält sich schadlos, indem er sich öffentlich in Szene setzt: Er “erzählt allerliebste Criminalgeschichten” und hat dafür, wie könnte es anders sein, “einen dankbaren Hörerkreis”. Er entlarvt bei solcher Gelegenheit die Geheimrätin Lupinus als Giftmörderin, und zwar nach der Methode der “Mausefalle” in Shakespeares Hamlet. Wenigstens an dieser Stelle setzt sich seine moralische Überzeugung durch. Er befördert die Geheimrätin in den bürgerlichen Untergang und sichert sich mit ihr den dauerhaften Platz in den Annalen der großen Verbrecherfiguren. Genau da wird die Fiktion authentisch.

(Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, 1852.)

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