Gerichtsshows (Forschung)

Wenn am mittleren Nachmittag im Fernsehen die Lücke zwischen Wirklichkeit und Wahrheit par ordre d’Hold geschlossen wird, wenn sich Staatsanwaltsdarsteller aufführen, als wären nicht die Sondergerichte schon vor 65 Jahren abgeschafft worden, wenn sich Verteidiger mit wehenden Roben auf kaum sprachmächtige Zeugen stürzen, wenn Frau Salesch das Machogehabe von Sechzehnjährigen rügen muß — wenn also der “Schulddialog” in der Kakophonie eines Bolzplatzes aufgeht und der Irrsinn der Gegenwart bei sich selbst ist, dann habe ich gelegentlich Mühe, mich auf die gepflegt-reflektierte Erzählprosa eines Willibald Alexis zu konzentrieren. Aber als verantwortungsbewußter Fernsehkonsument suche ich nach Erklärungen für die Faszination, die mich bei ‘Salesch und Co.’ ergreift. Und ich fürchte selbstverständlich auch die Wirkungen, die Gerichtsshows auf mich haben: Weicht am Ende die TV-Justiz das Vertrauen auf, das ich in die reale Justiz habe — oder doch haben sollte? Von diesem Standpunkt aus ist es egal, ob das Fernsehen in die Gerichtssäle darf, oder ob es diese in seinen Studios aufbaut — immer folgt es seinen eigenen dramaturgischen Regeln. So wenig wie die Justiz eine andere als die eigene Wirklichkeit beurteilen kann, so wenig gibt es im Unterhaltungsmedium Fernsehen etwas anderes zu sehen als dessen Justiz.

Ich bin wieder einmal (s. schon hier) fündig geworden in Volker Boehme-Nessler: BilderRecht. Die Macht der Bilder und die Ohnmacht des Rechts. Wie die Dominanz der Bilder im Alltag das Recht verändert. Heidelberg: Springer 2010. Auf den Seiten 130 ff. wird der Stand der Forschung zu den Gerichtsshows dargestellt, der aber noch nicht so recht befriedigen kann. Für das Buch gibt es eine Verlagsanzeige und eine Google-Vorschau.

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