Invisible/Crossover

Paul Auster: Invisible. New York: Holt 2009 (dt.: Unsichtbar. Reinbek: Rowohlt 2010).

Nö, Auster-Fan bin ich nicht. Aber wenn’s um Mord und Inzest geht, dann werde ich neugierig.

Was ich gelesen habe, ist eine Romankonstruktion, auf die die Literaturkritiker (mindestens in ihrer Mehrzahl) abfahren: Herausgeberfiktion, mehrere Binnenerzähler, unterschiedliche fiktionale und nicht-fiktionale Formate (Brief, Tagebuch, autobiographischer Roman), fragmentarische Präsentation. Die ‘Wahrheit’ bleibt uns verborgen. Literarisch aufregend ist das zunächst nicht.

Doch der Hinweis von Jan Röhnert im Tagesspiegel führt auf eine andere Spur. Röhnert schreibt über Rudolf Born, den Antagonisten: “unwillkürlich erinnert dieser Kardinalzyniker an Nazi-Größen, und mit seinem Rassismus und Antisemitismus wirkt seine Ideologie wie aus den letzten Trieben des ‘Lebensborn’ gezüchtet”.

‘Unwillkürlich’ ist das freilich nur insofern, als Röhnert kein Wort darüber verliert, daß das Geschwisterpaar Gwyn und Adam Walker jüdischer Herkunft ist — mindestens äußern das sowohl Born (der sich dabei als ‘Nazi’ outet) als auch eine frühere Partnerin Adams, die es ablehnte, mit einem ‘jewish guy’ zu schlafen (die zweite Belegstelle muß ich nochmals suchen).

Warum sollte Adam Walker, der das Ende seines Lebens vor Augen hat, einen autobiographischen Roman schreiben, in dem er nicht nur seine Begegnungen mit Born schildert (den er für einen Mörder hält), sondern auch die inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester? Diese Beziehung hat nach einem einmaligen pubertären Vorlauf (dem ‘großen Experiment’) ihren Höhepunkt während einiger Sommerwochen des Jahres 1967. Walker weiß, daß er seinen ‘Roman’ selbst nicht mehr fertigstellen und zur Veröffentlichung bringen kann, aber er sorgt dafür, daß das Manuskript in die Hände eines Studienfreundes gelangt und damit mindestens an eine interessierte Öffentlichkeit, zu der auch die überlebende Schwester zählt. Sie erklärt zwar nicht das Begehren, aber doch den Vollzug zur Fiktion. Der Rest der geschilderten Ereignisse kann vom ‘Herausgeber’ weitgehend verifiziert werden.

Man müßte schon mit vollständiger literarhistorischer Blindheit geschlagen sein, wollte man Inzest, zumal konsensuellen Geschwisterinzest, heute noch (oder wieder) als Skandalthema rezipieren.1 Der Skandal entsteht erst, wenn Inzest sich im Text mit Vorstellungen von ‘Rassen’ verbindet: Insofern ist Thomas Manns’ Erzählung “Wälsungenblut” der eigentliche (unsichtbar gemachte) Referenztext für Austers Roman. “Wälsungenblut” ist 1905/06 entstanden, wurde jedoch (u. a. aus Familienrücksichten) erst 1921 einer limitierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Als wäre diese Textgeschichte nicht schon Hinweis genug, modelliert Auster das Geschwisterpaar unverkennbar nach den Vorbildern von Siegmund und Sieglind Aarenhold, heruntergebrochen auf US-amerikanische Familienverhältnisse der Jahre zwischen 1947 und 1967. Allein schon die mehrfach hervorgehobene eigentümliche Schönheit, die Gwyn und Adam auszeichnet, ist Beleg dafür. (Und während Siegmund und Sieglind vor dem Vollzug in die Oper gehen, sehen Gwyn und Adam im Kino Carl Theodor Dreyers Ordet (1955, IMDB).) In “Wälsungenblut” ist der Inzest, vereinfacht gesagt, Ausdruck der Selbstbehauptung der Geschwister gegen eine feindliche rassistische Umwelt. Doch das kann nur funktionieren, solange das Geheimnis gewahrt bleibt. Sobald es öffentlich wird, bestätigt es die rassistische Abwertung.

Thomas Manns Erzählung endet mit dem Inzest-Vollzug. Der heutige Leser von “Wälsungenblut”, zumal der deutsche, kann sich aber recht genaue Vorstellungen davon machen, wie das weitere Leben von Sieglind und Siegmund zwischen etwa 1905 und 1945 ausgesehen hätte. Da setzt Austers Roman an: Adam Walkers Autobiographie und deren Ergänzungen durch den Herausgeber machen Lebensvollzug reflexionsfähig unter den Bedingungen des fortbestehenden (speziellen) Rassismus der US-amerikanischen Gesellschaft. Walker gibt seine Pläne für eine hervorgehobene ‘öffentliche’ Existenz als Literaturproduzent auf. Er studiert Jura für eine bescheidene (d. i. verborgene), aber kommunitäre Anwaltsexistenz, die vom Erbe des Vater-Kaufmanns ermöglicht wird. Er heiratet aber eine Afro-Amerikanerin, die eine Tochter namens Rebecca mit in die Ehe bringt, während er selbst kinderlos bleibt. Adam Walker ist gewissermaßen ein zweiter Siegmund. Vielleicht als amerikanischer Jude auch ein glücklicherer, obwohl auch er sich zwischen Rassenschranken einrichten muß. (Roths Portnoy’s Complaint ist übrigens 1969 erschienen — auch insofern plaziert Auster seinen Adam Walker auffällig.)

  1. Vgl. Stefani Engelstein (2004) sowie die Untersuchung eines umfangreichen Korpus’ der Goethezeit durch Michael Titzmann (1991). []

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