“aus niedrigsten Beweggründen”

Richard Dooling: Brain Storm. New York: Random House 1998.

“Richard Dooling [...] has cleverly written a thriller, ‘Brain Storm,’ that beats the hyphenationists at their own game. This novel can’t easily be subcategorized because it is, among other things, a defense of free speech, a whodunit, a speculation about the way cognitive neuroscience is changing our perception of crime, a satirical portrait of the legal profession, a sex romp, a de facto essay on language and, by no means least, a comedy. This book is packed” (Colin Harrison in New York Times, 19.4.1998).

Man sollte vermutlich nicht gleich aus den Latschen kippen vor Begeisterung, doch die Lektüre (auf Empfehlung des Diskurshistorikers) hat sich gelohnt: James F. Whitlow (White Trash, wie der Name schon andeutet1) geht in die Falle, die ihm seine Frau stellte und erschießt Elvin Brawley als deren vermeintlichen Liebhaber. Weil das Opfer Afro-Amerikaner und hörbehindert zugleich ist, klagt die Staatsanwaltschaft ein Hate Crime an, für das sie dann die Todesstrafe fordern will. Dafür übersieht sie nicht nur die Beziehungen des Opfers zu rechtsradikalen Militanzgruppen, sondern auch die organisierten Falschgeldoperationen, in denen Täter und Opfer gemeinsam stecken. Der zuständige Richter nutzt seine Macht bis zur äußersten Grenze aus, um das Verfahren zu verhindern, weil er einerseits der Staatsanwaltschaft eins reinwürgen will, andererseits aber auch die Kriminalpolitik für verfehlt hält, mit der immer neue ‘innere’ Tatbestände produziert werden, die zwar bezeichnet, aber nicht erkannt werden können. Als Pflichtverteidiger für Whitlow bringt der Richter Joe Watson [sic!] ins Spiel, der nach dem Examen auf seiner ersten (und lukrativen) Stelle bei einer Law Firm für Urheberrechtsrecherchen bei Computerspielen zuständig ist und so wenigstens Erfahrungen mit Virtualitäten hat. Watsons Firma stellt, ehe sie den Associate rauswirft,2 den Kontakt zur Neurowissenschaftlerin Rachel Palmquist her, die in Whitlow ein dankbares Objekt der Forschung findet. (Das erste Kapitel des Romans kann man in der New York Times nachlesen.)

Das alles wird zwar nicht von Watson selbst, aber doch aus dessen Perspektive erzählt. Da braucht man sich nicht zu wundern, daß man auf vierhundert Seiten kübelweise ‘Wissen’ vorgesetzt bekommt, das sowohl aus den Neurowissenschaften als auch aus der Rechtswissenschaft stammt — oder doch zu stammen scheint: Ohne aufwendige Recherchen und solides Vorwissen ist das nicht nachprüfbar, zumal es Figuren in den Mund gelegt wird, die alles andere als zuverlässige Vermittler sind.3 Doch bei dem ganzen Aufwand des Ermittelns, Erforschens und Definierens kommen ohnehin nur Mäuslein zum Vorschein: Die avancierten Maschinen der Gehirnwissenschaftler entdecken ein Zyste, die im Kopf des Täters die Blutversorgung und möglicherweise auch die  Selbstkontrolle behindert hat, die Juristen einigen sich auf einen Deal, der für Whitlow eine milde Totschlags-Strafe vorsieht, während Watson es wenigstens noch zu einem Fast-Ehebruch bringt, zum Heavy Petting mit Palmquist, bei dem er seine Gehirnaktivitäten als Monitorbilder beobachten kann. Eine Repräsentation des schlechten Gewissens, das er seiner katholischen Erziehung verdankt, kann er dabei nicht erkennen. Wie auch?

Wie steht es also um die Zuständigkeit der Neurowisenschaften für Verbrechen, Übertretungen und Delinquenz? Deren Blick richtet sich ganz auf das arme, wenn auch in jeder Hinsicht unappetitliche Täterschwein. Dafür gibt es zwar Forschungsmittel, aber keine Aussicht, den Haß im Hirn je zu entdecken. Denn der verdankt sich der Systemlogik, mit der das Wort und das Konzept ins Gesetz gestellt wurden. Für die gäbe es andere Zuständigkeiten, weshalb man weder den machtbesessen-verrückten Richter noch den karrieregeilen Staatsanwalt in die Scanner steckt.

Doch Gottes Auge und dessen Gerechtigkeit machen sich an einer unwahrscheinlichen Stelle bemerkbar: Nachdem Watson seinen Fall ohne viel eigenes Zutun gewonnen hat, entdeckt ein blinder Kassierer, daß das Anwaltshonorar aus der Falschgeldproduktion stammt.

Die linientreue Genrekritik reagierte verknarzt und stellte damit nur ihre Apperzeptionsunlust unter Beweis:

“The problem with Brainstorm is that it’s simply too ambitious. Billed as a comedy [...] the book deals with too many weighty subjects to be funny. Although characters such as the gleefully malevolent Judge Stang are fine comic creations, Dooling places them into discussions about hate crimes. Similarly the lengthy treatises on neurology and neuropathology feel like the parts of a film where the leading lady explains the entire story so far to aid the feeble-minded. Any of the subjects on their own would have made a fine and intriguing courtroom drama but together they weigh the book down in a mess of tangled plotlines and intrusive ‘aren’t I clever?’ expositions” (Gary Marshall in Spike Magazine (o. D.)).

  1. Der aber mehrfach determiniert ist: Whitlow bezeichnet auch eine Infektion der Fingerspitze (WP) und verweist so auf den Tripper, den sich der Namensträger außerhalb der Ehe zugezogen, den er aber innerhalb derselben weitergegeben hat. []
  2. Übrigens mit der zutreffenden Begründung, daß er bei seinen Recherchen die Systemsicherheit gefährdet hatte. []
  3. ‘Gut recherchiert’ ist eine Standardformel der Literaturkritik und ein Effekt der Textpräsentation. []

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