Hans Boetticher: Das dritte Gesicht. Kriminalroman. Berlin: Limpert 1944. 301 S. (Umschlagabb. vergrößern.)
Wenn ich es recht sehe (ZVAB), dann ist außer dieser Papiersparausgabe auch noch eine normalformatige Halbleinenausgabe mit 271 S. erschienen.
DNB schreibt den Text Joachim Ringelnatz zu, ebenso wie den Roman Unterseeboot Ganymed, der ursprünglich 1934 bei Goldmann erschienen ist (mit einem Vorwort von ‘Seeteufel’ Luckner) und 1942/43 zwei Neuauflagen ebenfalls bei Limpert hatte. Aber mindestens bei Das dritte Gesicht bin ich geneigt, an eine Mystifizierung zu denken — doch ich kann das vom Schreibtisch aus nicht nachprüfen.
Jedenfalls bietet Das dritte Gesicht für den heutigen Leser eine ganz vergnügliche Lektüre: Der Text wirbelt Zeichen und Bezeichnungen mit relativ hoher Geschwindigkeit durcheinander. Er thematisiert unterschiedliche Ermittlungsstrategien und deren Beobachtung durch die Berichterstattung. Ort der Handlung ist Stockholm und seine Umgebung, die Zeit ist unbestimmt. Im Mittelpunkt steht ein Nachtsichtgerät,1 das seinem Erfinder gestohlen wurde. Der Vetter des Erfinders, ein Starverteidiger, kooperiert mit der Polizei, die trotz gegenteiliger staatlicher Interessen die Rückgabe des Geräts an den ursprünglichen Eigentümer, also in private Hände zuläßt. Zwischenzeitlich hatte ein Gangsterboß versucht, mit Hilfe des technischen Fortschritts seine ganz mabusemäßigen Weltherrschaftspläne in die Tat umzusetzen.
Wenn man die technisch-mediale Aufhellung von Wirklichkeit als Sujet ernst nimmt, dann kann man sich schon fragen, warum dieses Buch in der Endphase des ‘Dritten Reiches’ produziert und an welche Leser es ausgeliefert wurde. Eher abwegig scheint die Vorstellung, daß bei den Volksgenossen in der Heimat und bei den Soldaten an den einbrechenden Fronten Ideen über die Verhinderung einer verbrecherischen Weltherrschaft durch einen tatkräftigen Juristen geweckt werden sollten. Auch die Zustimmung zu privater Verfügung über kriegswichtiges Gerät kann man sich kaum als erwünschtes Thema einer literarischen Darstellung denken. Liest man jetzt aber das Kapitel über die “Buchversorgung der Wehrmacht” in Jan-Pieter Barbians Literaturpolitik im NS-Staat (S. 363-370),2 dann kommt man auf die Idee, daß der Krimi hier selbst zum Kriminalitätswerkzeug und zum corpus delicti gemacht, indem er hauptsächlich zum Abgreifen von Subventionen produziert wurde.
Limpert jedenfalls machte Werbung für weitere Texte in dieser Ausstattung — und läßt damit an das Zmüllen von Überwachungsorganen denken (aber, wie gesagt, das ist nur eine Idee):
GANYMED
Roman
256 Seiten • Gebunden RM 5,40
Mit diesem Werk wurde eine Verbindung von Abenteuerbuch und Kriminalroman geschaffen. Wie diese unglaubliche und ungeheuerliche U-Bootgeschichte zu einem guten Ende führt, ohne daß der Verfasser eine uns als unmöglich erscheinende Lösung gibt, lese jeder selbst nach. Nicht nur dem Seemann, nein jedem, der gern von abenteuerlichen Dingen Kunde haben möchte, wird das von der ersten bis zur letzten Seite mit Spannung angefüllte Buch Stunden der Freude und Unterhaltung schenken.
Bezug nur durch den Buchhandel
WILHELM LIMPERT-VERLAG, BERLIN SW68
In gleicher Ausstattung liegen u. a. bereits vor:
Gertrud Altrichter
MIRKO, DER KNECHT
Margot Boger
DAS GEHEIMNIS DES STRADIVARI
Herta Bergmann
HEIMKEHR AUS JAVA
Günther Bunge
DER ALCHIMIST
Alfred Güntzel
DAS MÄDCHEN MADELEINE
Th. W. Elbertzhagen
AMFORTAS
Th. W. Elbertzhagen
DIE NEUNTE
Heinz Hartmann
STREIT UM STROLCH
Klaus Jedzek
EIN MENSCH WIE DU
Frithjoff Koch
GLOCKEN AM RIO MUCURI
Edwin Krutina
MARIA JAKOBE
Eberhard Moes
DIE DAME MERCEDES
Hermann Müller
MÄNNER SCHWEIGEN
Ulrich Sander
OLA, DIE SCHWEDIN
Ulrich Sander
DER MITTWOCHNACHMITTAG
Elisabeth Thikötter
HERBSTLICHE LIEDER
- In der dt. Panzertruppe gab es lt. WP erste Einsatzversuche um 1940. [↩]
- Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im NS-Staat. Von der ‘Gleichschaltung’ bis zum Ruin. (Fischer Taschenbuch 16306) Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2010. [↩]
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