Ohne Ende: “Via Mala”

… in which a young examining magistrate accidentally uncovers a murder committed by his wife’s family. Torn between his respect for the law and his liberal sociological principles, he finally buries the case and then commits suicide.

Theodore Ziolkowskis Erwähnung des Romans ist wunderbar lakonisch und ebenso falsch, auch wenn er den Mord am Familientyrannen mit Recht in den Kontext zeitgenössischer literarischer Reflexionen einer ‘Justizkrise’ stellt. Möglicherweise spukte ihm eine der Verfilmungen dazwischen, s. Filmportal: 1943/45, R.: Joseph von Baky, B.: Thea von Harbou; 1961, R.: Paul May, B.: Kurt Heuser, P. M.; 1985 (TV): R.: Tom Toelle, B.: Jörg Graser.1

Knittels Roman ist 1934 erschienen und wurde von den Lesern des ‘Dritten Reiches’ gern und anhaltend angenommen. Bei Christian Adam kann man folgendes über diesen Bestseller lesen:2

Um [seine Frau] und das gemeinsame Kind zu schützen, begeht der von Natur aus zutiefst integre Staatsdiener Betrug und Urkundenfälschung.3  Nur so kann er die Untersuchung abschließen und den Fall ad acta legen lassen. Dabei verrät er seine Ideale zu Gunsten eines ganz persönlichen, privaten Glücks — das dabei doch zwangläufig von seiner Tat überschattet wird und getrübt bleibt. Was er auch getan hätte, sein Glück war und blieb zerstört. Eine einmal begangene Untat — das wäre aus Knittels Werk als Lehre zu ziehen — lässt sich nicht einfach ungeschehen machen. Sie muss früher oder später gesühnt werden. Das Böse lässt sich durch weitere Verfolgungen nicht zum Guten wenden.

Mir scheint, daß auch da das Bedürfnis nach Tragik am Werk ist, das schon Ziolkowski auf die falsche Suizidfährte wies. Die schlichte Gut-Böse-Unterscheidung wird der Konfliktkonstruktion nicht gerecht und kann keinesfalls die Beliebtheit des Romans bei nahezu allen Leserschichten im ‘Dritten Reich’ und danach erklären.

Da trifft es sich gut (ist aber nicht weiter überraschend), daß es zu Knittels Roman auch eine Stellungnahme des Juristen Friedrich Schaffstein (1905-2001) gibt. Schaffstein war sowohl im ‘Dritten Reich’ (etwa ab 1934) als auch in der Bundesrepublik wirkungsmächtiger Repräsentant der jeweiligen strafjuristischen ‘Leitkulturen’. Er thematisiert in seinem Aufsatz4 die rechtlich-literarischen Zusammenhäng ausführlich und zeigt vor allem den langen Weg, den Rechtswissenschaft und Rechtspraxis gehen mußten, bis sie anerkennen konnten, daß  für die vom Vater drangsalierte Familie wenigstens eine der Notwehr ähnliche Situation besteht. In der Zusammenfassung bringt Schaffstein zum Ausdruck, daß im Zentrum der Konfliktkonstruktion der Widerspruch von Recht und Moral steht:

Bei Knittel unterdrückt der Schwager und Untersuchungsrichter, als er der Wahrheit auf die Spur kommt, in schweren Gewissenskämpfen sein Wissen um das Geschehen und fuhrt damit die Erzählung, wenn auch gegen das Gesetz, so doch zur Zufriedenheit und mit der moralischen Billigung seiner Leser zum glücklichen Ende, bei dem der ‘Vatermörder’ straffrei ausgeht (S. 391).

Die Literatur, so könnte man meinen, war 1934 der Justiz weit voraus. Das stimmt und ist doch zweideutig. Denn die moralische Rechtfertigung des Tyrannenmords ist nur eine mögliche Lesart, die der Roman anbietet. Die andere kommt aus der Sicht des nationalsozialistischen Rechtsverständnisses zum selben Ergebnis. Doch sie kann in Lauretz, der seine Interessen und seine Triebhaftigkeit auch um den Preis des Untergangs seiner Familie durchsetzt, den Gemeinschaftsschädling erkennen, der zur Ausmerzung freigegeben werden muß.

  1. The Mirror of Justice. Literary Reflections of Legal Crises. Princeton, NJ: Princeton UP 1997, S. 221. []
  2. Christian Adam: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Berlin: Galiani (Kiepenheuer und Witsch) 2010, S. 227. []
  3. Das ist mißverständlich: Richenau begeht mit der Unterdrückung der Wahrheit die schwerste Amtspflichtverletzung überhaupt und nicht etwa ein alltägliches Vermögensdelikt. []
  4. Friedrich Schaffstein: John Knittel, Via Mala. In: Literatur und Recht. Literarische Rechtsfälle von der Antike bis in die Gegenwart. Im Auftrag der Akademie der Wisssenschaften hg. von Ulrich Mölk. Göttingen: Wallstein 1996, S. 383-394. []

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