Die derzeit hegemoniale Kategorisierung von Störungen verfährt nach den Kriterien des DSM-IV, und schneidet damit die Empirie in entsprechend bearbeitbare Stücke. Wirkmächtigkeit entfalten solche von Experten verwalteten Klassifikationsschemata als reflexive Deutungen im Rahmen institutioneller Prozeduren der Einordnung, die das Leben der von ihnen BeirolTcnen nachhaltig beeinflussen können. Institutionelle Praktiken. ökonomische Interessen, normative Bewertungen und empirische Beobachtungen amalgamieren zu einem Ordnungssystem, das Jugendkriminalität als Problem von Wissenschaft und Politik erst sichtbar macht. Vcrhaltcnsauffälligkeiten. antisoziale Pcrsönlichkcitsstörungcn. Aufmerksamkeitsdefizitsyndrome werden erst vor dem Hintergrund solcher Klassifikationssysteme sichtbar. Foucault hat mit Verweis auf Borges in seiner Einleitung zur ..Ordnung der Dinge” (Foucault 1974:17) solche Klassitikationssystcmc der gebührenden Lächerlichkeit preisgegeben. Die Tiere, um deren Klassifikation in einer ..gewissen chincsischcn Enzyklopädie” es in dem besagten Text geht, gruppierten sich wie folgt: ,,a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschwcinc, c) Sirenen, e) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.” Die Mandarine der American Psychiatric Association, die über die Ordnung des DSM-IV wachen, wären wohl nicht amüsiert, wenn man ihre Klassifikationsvcrsuche mit dieser Aufzählung vergliche.
Reinhard Kreissl: Neurowissenschaftliche Befunde, ihre Wirkung und Bedeutung für ein Verständnis der Jugendkriminalität. In: Handbuch Jugendkriminalität. Kriminologie und Sozialpädagogik im Dialog. Hg. von Bernd Dollinger und Henning Schmidt-Semisch. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. Verlagsanzeige. Erhellende Lektüren (u. a. für Leute, die sich an- und nachhaltig über Münchner Strafverfahren — inkl. Berichterstattung — wundern).
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