Die zwölfte Nacht bei Willibald Alexis

William Hamilton, A Scene from Twelfth Night (1797)

Die Tage zwischen Weihnachten und Heiligen drei Könige werden die Zwölfe genannt. In diesen Tagen darf kein Mist aus den Ställen gebracht oder vom Hofe gefahren werden; und in den ersten 6 Tagen der Zwölfe darf man nicht spinnen; Alles, damit die Wölfe nicht einbrechen (J. D. H. Temme: Die Volkssagen der Altmark, 1839).

Muß also prinzipiell scheitern, was in diesen Tagen angefangen wird oder zu Ende gebracht werden soll? Auf den ersten Blick sieht es so aus:

Der Brief war fertig. Die Pistole lag auf dem Tische, ihm zugekehrt. Die Arme kreuzend, blickte er eine Weile in die dunkle Mündung, als erwarte er eine Stimme daraus. Aber alles blieb stumm. Die Lippen des blassen Gesichtes verzogen sich zum Lächeln: ‘Es soll einmal keine Prophetenstimmen mehr geben!’

Der Suizid mißlingt jedenfalls, und zwar aufgrund einer grotesken Ungeschicklichkeit des Suizidenten, in der sich aber, da läßt der Erzähler keinen Zweifel, ein Lebenswille ausdrückt, der dem Täter selbst (noch) unbewußt ist:

Er trat an den Tisch, beugte sich, die Hände unwillkührlich faltend, wenige Secunden über und ergriff das Pistol. Langsam hob er es gegen sich gekehrt und setzte die Mündung in den Winkel zwischen die Augen. Aber das Licht brannte düster. Hell sollte es zu der That sein! Er ergriff die Putzscheere — die Hand irrte; er putzte es aus. [...] Das Licht hier wieder anzuzünden hatte er sich selbst die Mittel geraubt; die Gerätschaften waren mit den andern Sachen verbrannt. Er setzte den Hahn in Ruhe, ließ die Pistole in die Rocktasche gleiten und ergriff den Leuchter, um die Kerze oben bei den Studenten anzuzünden. Sie waren zu Hause, denn er hörte sie jetzt deutlich fechten.

Willibald Alexis: Zwölf Nächte. Roman in sechs Büchern. Erster Band. Erstes Buch: Der Weihnachtsabend. Berlin: Duncker und Humblot 1938.

(Die Besprechung des Romans in den Blättern für literarische Unterhaltung (1838, Nrn. 282ff.) besteht aus einer umfangreichen Inhaltsangabe und einer wohlwollenden Beurteilung am Schluß — ich kann mich also kurz fassen:)

Im Vorgängerroman Das Haus Düsterweg. Eine Geschichte aus der Gegenwart (1835) hatte Alexis Desintegration auf allen Ebenen vorgeführt. Sie wurde individual- und sozialpsychologisch begründet und schlug auf die erzählerische Präsentation durch: Die fragmentarische Darstellung rudimentärer Plotbestandteile im Brief- und Dokumentarroman ging den ‘Jungdeutschen’ (namentlich Gutzkow und Mundt) gegen den Strich, weil sie Alexis (irrtümlich) schon als Cabanis-Friederizianer verbucht hatten, dem sie Neuorientierung und Experimente nicht abnehmen konnten oder wollten. Zwölf Nächte kam nicht besser an, und dabei ist es geblieben (s. nur Julian Schmidt und Theodor Fontane ), bis in den vergangenen Jahren vor allem Lynne Tatlock und Gustav Frank eine Neubewertung angestoßen haben. Doch darauf kommt es mir jetzt nicht weiter an.

Mit “Haus Düsterweg” wird das alte Adelsgeschlecht bezeichnet, das in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts untergeht, obwohl der letzte Majoratserbe in dieser Zeit den Stammsitz der Familie noch einmal bewohnt. Mit diesem Erbe hat es jedoch eine eigene Bewandtnis: Der Vater hatte verfügt, daß seine beiden Söhne als Waisen und ohne Kenntnisse ihrer Herkunft aufwachsen sollten — der eine in kleinbürgerlicher, der andere in adliger Umgebung. Derjenige sollte Erbe werden, bei dem sich die Herkunft gegen alle Widerstände erkennbar durchsetzen würde. Vermeintlich aufgeklärter Absolutismus wendet sich in diesem Experiment gegen die Söhne und deren Zukunft. Das reale Haus Düsterweg eignet sich nur mehr als Grablege.

In Zwölf Nächte geht es im wörtlichen Sinne um zwei Häuser: Das alte war dreieinhalb Jahrhunderte lang Sitz der (jüdischen) Kaufmannsfirma Lömlein und Aderbeiß, deren letzter Inhaber Konkurs anmelden mußte und für tot gilt. Das neue wird gegenüber gebaut und unter der Leitung des Suizidenten aus dem ersten Kapitel in den ominösen zwölf Tagen und Nächten so weit fertiggestellt, daß es von den Bewohnern des alten bezogen werden kann, nachdem dieses seiner Altersschwäche nachgeben mußte.

In der zwölften Nacht wird, wie es der Brauch ist, das Unterste zuoberst gekehrt: Während Frau Lömlein stirbt, finden Hochzeiten und Verlobungen statt, das alte Regieren und die alte Religion werden ausgemustert und bilden Rückzugsräume für die ‘ewig Gestrigen’. Der Architekt wird Eigentümer des Hauses, doch als Verwalterin wird ihm die alte Waschfrau an die Seite gesetzt, die nun auch noch einmal heiraten soll. Usw. usf. All das ist zunächst Karneval, der entweder im Kater aufgehen wird, oder im Kapitalismus mit dessen Exklusionsverfahren, die keine Gnade kennen: “Wer in einer industriellen Welt lebt, muß selbst industriös werden, oder er wird draus fortgestoßen, wie die Wilden in Amerika”. Dem entspricht dann auch die ‘neue Stadt’, deren Pläne der Architekt nun verwirklichen soll:

Licht und Luft fiel hinein in die alte Kaufmannsstadt. Für Handel und Gewerbe eröffnete sich eine Reihe der glänzendsten, vortheilhaftesten Hallen, für den lebhaften Postverkehr, für feierliche Festeinzüge eine breite glänzende Straße.

Alles glänzt, ist weit, hell — und übersichtlich. Für die ‘ehrlichen Leute ‘ wird da so wenig Raum sein wie für einen Junker aus der altpreußischen Zeit.

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  1. Erstellt am 28.12.2010 um 21:29 | Permanent-Link

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