

“Prisoner rape is one of this country’s most widespread human rights problems, and arguably its most neglected. Frustratingly, heartbreakingly—but also hopefully—if only we had the political will, we could almost completely eliminate it”: David Kaiser und Lovisa Stannow in ihrem Review-Essay “The Rape of American Prisoners”, dessen erster Teil jetzt im New York Review of Books (ToC) erschienen ist.
“Tödliche Gewalt an einer Berufsschule in Ludwigshafen – und Deutschland erinnert sich an die Gewalttaten in Winnenden oder Ansbach im vergangenen Jahr. Nimmt die Gewalt grundsätzlich zu?” (BR 2, 19.2.2010, mit Achim Bogdahn; Gast: Dr. Jens Hoffmann, zur Website, zum Podcast).
Doch, doch: die Frage nach der Bezeichnung wurde schon gestellt — warum wird ein einzelner Tötungssachverhalt (der nach allem, was man bis dahin in Erfahrung bringen konnte, auch so intendiert war) in die Amok-Reihe gestellt? Man erinnert sich nicht, man wird erinnert (das Medium als Memory). Anstatt derartig zu reflektieren (duchaus auch im Licht des ‘Werther-Effekts’), erweiterte der Experte einfach den Horizont seiner Expertise. Doch ganz am Ende kam ein Hörer zu Wort, der sich als Experte in Tierpflege zu erkennen gab und menschlichen Verstand zeigte: Man könne Tiere und Menschen nur bis zu einer gewissen Grenze quälen, jenseits derer sie sich zur Wehr setzen würden. Das gefiel dann weder dem Experten noch dem Moderator.
Fortsetzung folgt — über Fauser und Hentig und Loccum 1982:
“It is difficult to classify Professor Hentig’s studies. They are characterized by a broad and less technical approach than strict studies in criminal psychopathology. Technical account is combined with legal lore, and both are projected on the social aspects of criminal activities and the conditions of the age of which the criminal is a feature. Written with a literary flair, Professor Hentig’s books are of interest to everybody interested, for whatever reason, in crime”: Kazimierz Grzybowski.
Rom, ca. 1515-1520
Hubert von Stein, Theodor Savelli, Landsknechtsoffiziere
Viola Gritti, Faustina, Mathilde von Stein, deren Frauen
Papst Leo X., Kardinäle, Kleriker, Mitglieder der vornehmen römischen Gesellschaft
Peter Eckard
Landsknechte und Söldner
ein Improvisator
römisches Volk, Pöbel
Georg III von Waldburg (“Bauernjörg”), des H.R.R. Erbtruchseß (1519-31), Feldhauptmann des schwäbische Bundes, *25.1.1488, +29.5.1531 (WP)
und
Giorgiones “Schlummernde Venus”:
Willibald Alexis: Venus in Rom. Novelle. In: Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1828. München, Stuttgart u. Tübingen: Cotta 1828. Hier zit. nach W. A.s Gesammelte Novellen. Bd. III. Berlin: Duncker & Humblot 1831. (Diese Version kann man nachlesen (PDF).)
Etwa zwei Jahre nach “jenen siegreichen Tagen von Novara” (1513), in denen er in den “Reihen der Schweizer gegen Frankreich für Italien’s Freiheit” gefochten hatte, möchte Ritter Hubert von Stein seinen Söldnerkameraden und Blutsbruder Theodor Savelli in Rom aufsuchen. Aber er will nicht nur den Freund wiedersehen, sondern auch die Stadt kennenlernen, in der wie in keiner anderen das Alte mit dem Neuen zusammenstößt. Hubert von Stein ist enttäuscht von den deutschen Verhältnissen, die für ihn durch Unbeweglichkeit und Dunkelheit charakterisiert sind, während in Italien, und zumal in Rom, Kunst, Wissenschaft und Politik so in Bewegung geraten sind, daß er sich neue Freiheiten des Denkens und Handelns verspricht.
Anders als sein Freund Savelli, hatte Stein 1513 den Dienst quittiert und war in seine süddeutsche Heimat zurückgekehrt. Er hat Gräfin Mathilde Truchseß von Waldburg geheiratet (also über seinen Stand hinaus), scheint nun aber trotzdem eine Bildungsreise nachzuholen.
Während sich in Deutschland noch weithin unbemerkt die Reformation vorbereitet, trifft Stein in Rom tatsächlich auf Bewegungen, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfaßt haben — und sich für ihn vor allem in der Kunst und im Geschlechterverhalten sichtbar machen. Im Haus des Freundes trifft er nur auf dessen Frau, die abfällig über ihren Mann spricht. Er hat sich an die antiken Idole gebunden, während sie Boccaccio liest und dem deutschen Ritter Giorgiones “Schlummernde Venus” vorweist, die das “Leben” repräsentiert, das “jugendlich in vollen Zügen” gekostet werden soll. Doch ehe dies geschieht, macht sich Stein (protodetektivisch) auf die Suche nach dem Freund, der ihm endlich die Geschichte seines ‘Wahnsinns’ und seiner Entfremdung von der Ehefrau verständlich zu machen sucht. Doch da haben Gritti und Stein den Betrug schon vollzogen — sie hat ihn von einem Fest fortgerissen und ist ihm als “Venus [...] lebendig geworden”, während Savelli sexuell versagt und seine Frau damit beleidigt hatte. Und noch am folgenden Tag verlieben sich Stein und Faustina: Während des Gesprächs mit Savelli beobachtet Stein die junge Römerin, die gerade dem Kardinal, mit dem sie verkuppelt werden soll, einen “Korb” gibt. Stein gründet mit ihr unter Gewissenszwängen seine zweite Familie — diesmal unter seinem Stand.
Die Handlung setzt zwei Jahre später wieder ein, und zwar mit einem Improvisator, der dem auf der Piazza del Popolo versammelten internationalen Publikum aus dem Volk die deutsche Tannhäuser-Legende nahezubringen sucht. Er erreicht damit auch Stein, der jedoch mit seiner Bindung an Faustina schon den ersten Schritt zur Lösung aus der römischen Gesellschaft mit ihren nutzlosen Diskussionen und widerstreitenden Interessen getan hatte. Doch jetzt steht auch die Befreiung von Faustina an, die ihn mit der Macht der Eifersucht in der kleinen Familie festhalten will.1 Faustina muß sich opfern, damit auch die psychologischen Geheimnisse ihrer Liebe gewahrt bleiben. Erst dann kann Mathilde ihren Gatten gesundpflegen und dann nach Deutschland zurückführen, wo, wie Stein inzwischen weiß, mit dem Thesenanschlag Luthers die Reformation zu wirken beginnt. Jetzt beginnt für ihn in der Heimat eine Zeit “der goldenen Freiheit des Geistes und des Glaubens”, in der “der Geist reif wird, um das Gängelband abzuwerfen und den Aberglauben zu belächeln”.
Damit unterliegt er einer weiteren Illusion. Doch diese Pointe kann nur von den Lesern gewürdigt werden, die wissen, daß sich Graf Georg III. von Waldburg seinen Beinamen auf blutigste Weise verdient hat, als er für den Schwäbischen Bund den Bauernaufstand von 1525 niedergeschlagen hat. Diese Verschwägerung hat Alexis seinem Helden nicht ohne Grund angedichtet. Vielmehr bezeichnet er damit schon früh den Kern seines historischen Erzählens, mit dem die Illusionierung des Lesers, nicht der Helden aufgehoben werden soll. (Oder so …)
Douglas Gordon, 1993. (Keine Ahnung, ob bei Youtube die ‘richtige’ Geschwindigkeit eingestellt ist: “He thought he might want to time the shower scene”.)
“Twenty-four hours. The museum closed at five-thirty most days. What he wanted was a situation in which the museum closed but the gallery did not. He wanted to see the film screened start to finish over twenty-four consecutive hours. No one allowed to enter once the screening begins”.
Don DeLillo: Point Omega. A Novel. New York, NY: Scribner 2010, p. 9, 12.
Ich 
bin kein Impostor. Nein!
Willibald Alexis: Acerbi. Novelle. In: Taschenbuch für Damen. Auf das Jahr 1829. Stuttgart und Tübingen: Cotta 1829, S. 73-248. Zweite Ausgabe in W. A.s Gesammelte Novellen, 4. Bd. Berlin: Duncker & Humblot 1831, S. 1-196. Zitiert wird im Folgenden nach dieser Ausgabe (beide sind online zu lesen).
unter dem polizeilichen namen hochstappler versteht man einen menschen, der entweder wirklich der gebildeten gesellschaft angehörend oder unter der behauptung ihr anzugehören, wiederum nur die mitglieder dieser gesellschaft unter allerhand vorspiegelungen in contribution setzt. publicist von 1858 no. 27 (Grimm)
Schon weil ihm klar war, daß nicht das ‘Hochstapeln’ an sich den Straftatbestand darstellt, sondern u. U. erst die Täuschungen, mit denen die ‘Contributionen’ veranlaßt werden, scheint Willibald Alexis ‘Hochstapler’ und ‘Hochstaplerin’ für die Fallgeschichten des Neuen Pitaval reserviert zu haben (vgl. den Fall Menges-Hereforth). Für den allgemeineren Fall, daß jemand einen ungedeckten Anspruch auf eine bestimmte soziale Stellung erhebt, verwendet er den Begriff ‘Impostor’, und zwar quer durch sein ganzes Œuvre, also von “Acerbi” bis zu seinem letzten Roman Dorothe (1856):
Damit wird für diese Figuren auch ein literarhistorischer Anspruch erhoben, der immer dann mitzudenken ist, wenn den Hochstapler- bzw. Impostoren-Figuren Bezeichungsfähigkeiten für die geschilderten Gesellschaftsausschnitte zugeschrieben wird. Alexis rückt aber schon in der “Einleitung” zu Avalon (“frei nach dem Englischen von Walter Scott”, 1827) auch die Autorschaft in die Nähe eines schwer oder überhaupt nicht deckungsfähigen Anspruchs — was nach der Publikationsgeschichte von Walladmor (“frei nach dem Englischen des Walter Scott”, 1823) nicht unbedingt verwundern kann, aber doch ein Indiz liefert für die Richtung, in die seine Reflexionen gegangen sind.
Acerbi, dessen Name französisch auszusprechen ist,1 trifft um 1820 als Abenteurer auf den Grafen Arnheim, der erst vor kurzer Zeit zum Oberhaupt der Adelsfamilie geworden ist.
Am Ende des Textes ist Acerbi tot und man weiß, daß er der Sohn der Esperance von Arnheim und des Arnheimschen Hauslehrers war, mit dem sie in den Jahren der Revolution nach Paris durchbrannte. Acerbi ist, ohne dies je zu erfahren, der letzte Abkömmling der ‘untergegangenen’ Arnheim-Linie. Esperance hatte sich mit ihrem Kind nach der Trennung vom Erzeuger an dessen Vater gewandt. Sie gab sich als ‘Polin’ aus und blieb, so lange sie im Haus des Pfarrers Blühdorn lebte, ihrer revolutionären Gesinnung treu und lehnte es ab, für sich oder ihren Sohn Ansprüche an das adlige Erbe zu stellen. Damit ermöglichte sie es erst, daß sich der Bruder ihres Vaters als Chef des Hauses derer von Arnheim darstellen konnte.
Acerbi wächst unter dem strengen Regiment des Pfarrers auf, das aber nicht recht anschlägt. Psychologisch gesehen wird Acerbi als Opfer einer verwirrenden Situation geschildert — er steht zwischen einer Mutter, die alle eigenen Ansprüche so gewaltsam unterdrückt, daß im Kind eine Vorstellung seiner Rätselhaftigkeit entstehen muß, und einem Pflegevater, der ihn dezidiert zu einem nützlichen Glied der bürgerlichen Gesellschaft machen will, ihn stets zur Arbeit an-, aber von höherer Bildung fernhalten will.2 ‘Denk an Amerika’ ist das Motto dieser Erziehung, demzufolge keine Sprache braucht, wer sich von seiner Hände Arbeit durchbringen kann.
Als ‘Baron’ sucht Acerbi Zugang zu einer zutiefst verunsicherten Adelsgesellschaft, die in ihren Positionen nach Krieg und Wiener Kongress Einbußen verkraften muß. Gleichzeitig werden die tradierten Unterscheidungen durch die ‘Zuflüsse’ von Exilierten und Neunobilitierten in Frage gestellt und bürgerlicher Reichtum kann sich mehr und mehr in Szene setzen (‘Der Adel hat kein Geld’, lautet die entsprechende Selbstdiagnose.) Graf Arnheim fühlt sich bei aller Unsicherheit zu Acerbi hingezogen (‘Blutsbande’ wirken unerkennbar). Aber er muß mit dessen Tod erkennen, daß die Position der eigenen Familie mit ihm an ein Ende kommt, das ihrem Anfang entspricht. Mit einem Impostor hat schon begonnen, was mit einem solchen endet. (“Daß wir alle Nachkommen eines Betrügers sind”.)
Alexis’ Erzählung setzt nicht umsonst in einer Posthalterei ein, in der es drunter und drüber geht: Soeben ist der Landesherr mit großem Gefolge durchgekommen, so daß für die Diligence keine Ersatzpferde zur Verfügung stehen und auch Arnheim mit seiner Tochter zu einem unerwarteten Aufenthalt gezwungen wird. Dafür steht kein privater Raum zur Verfügung, so daß in den überfüllten Wirtschaftsräumen unerwünschte Begegnungen mit unverhofften Folgen nicht zu vermeiden sind. Doch auch die häufigen Ortswechsel bringen insofern keine Erleichterung; selbst im Schloß, dem Rückzugsraum der Familie, trifft man auf die bekannten zwielichtigen Figuren, deren Gesprächsbeiträge zugleich Langeweile und Unsicherheit vermitteln. Als Acerbi der Einladung Arnheims folgt, begegnet er, ohne dies zu wissen, seinem leiblichen Vater, der unter dem Namen eines Marquis Fabiani als Teil der ‘guten’ Gesellschaft anerkannt wird, bis er sein letztes Geld, ebenfalls ohne dies zu erkennen, an seinen Sohn verliert und wie dieser im Suizid endet. Acerbi hält sich für seinen Mörder, was als Zeichen für seinen ‘Wahnsinn’ genommen wird, der sich in dem Moment einstellt, in dem er erkennen müßte, als Impostor in eine Gesellschaft von Impostoren geraten zu sein.
Der Bürgerstand ist ein Bauernkirchhof, wo des Todtengräbers Spaten den modernden Schädel des Großvaters zersticht, um dem Enkel ein Grab zu graben. Der Adel ist die Geschichte der Welt. Aber das traditionelle Bewußtseyn muß die Brust schwellen zu goßem Sinn, zu Thaten, und das ist das Zeichen des rechten Adligen, daß er fühlt, er sey es.
Acerbi drückt seine Ansprüche ‘poetisch’ und als Selbstwertgefühl aus und stößt genau deshalb auf Widerstand:
Was haben die Poeten mit uns zu thun? [...] Was habe ich denn nöthig, vorwärts zu schauen und zurück, und an einen Bauernkirchhof zu denken, um zu wissen, daß ich ein Edelmann bin? Dafür sind der Stammbaum, die Ehekontrakte; wer das nöthig hat aufzuweisen, zeigt auf sein Adelsdiplom, die Anderen auf die Turnierbücher. Es ist ja genug, daß wir wissen, wir sind da. Kann man mir das abstreiten?
Beide täuschen sich: Der Adel kann poetisch nicht restituiert werden, aber er kann sich auch nicht selbst retten, indem er auf seine Existenz hinweist.
Nur Arnheims Tochter Eveline (endgültig der letzte Sproß) zeigt Einsicht: “Die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit ist so schwach bezeichnet”. Sie heiratet standesgemäß und zieht zwecks Familiengründung dahin, wo wenigstens die Eigentumsrechte an Grund und Boden unbestritten sind. Vorderhand ohne Illusionen geht sie in Richtung Verbürgerlichung.
Vom Klappentext der amerikanischen Ausgabe:
In 1944, Jack Kerouac and William S. Burroughs were taken into police custody following a murder. One of their friends, Lucien Carr, had stabbed another, David Kammerer, whose sexual advances hed seemingly grown tired of rejecting. Carr, still in bloodstained clothes, had come to each of them and confessed; Kerouac helped him get rid of the weapon – neither told the police. For this failing they were arrested.
Months later the two writers – unpublished at the time – collaborated on And the Hippos Were Boiled in Their Tanks, a fictionalized account of the week leading up to the killing. They wrote alternating chapters – Burroughs writing as sometime bartender and workaday detective Will Dennison, Kerouac as Mike Ryko, a merchant Seaman.
Andreas Ammer hat die Übersetzung in BR-Diwan besprochen (6.2.2010, nebst manch anderem, das mir am Ohr vorbeiging): Podcast.
Margit Breuss bespricht Alexander N. Howe: It Didn’t Mean Anything. A Psychoanalytic Reading of American Detective Fiction. Jefferson NC, London: McFarland & Company 2008. IASL online, ‘Kriminalität und Medien‘.
Giftmord (geschlechtsneutral)
Das wäre im Prinzip ein Fall für die True-Crime-Fraktion. Doch hat Frau Blum jetzt auch einen Artikel in Slate “[on] how the U.S. government poisoned alcohol during Prohibition with deadly consequences”. Kollateralopfer im War on Drugs: das könnte nachdenklich machen.
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